Pfarrer Alroth auf Storö hatte aber ein Auge auf diese Bewegung gehabt; seine Schwester, Frau Brita, hatte versucht, seine eigene Frau aufzuhetzen und sie mit Sitzungen und ähnlichem aus dem Hause zu locken; deshalb konnte er von seinen brüderlichen Gefühlen nicht geblendet werden, sondern sah die peinliche Stellung seines Schwagers im Hause sehr wohl ein. Auch gefiel es ihm, daß der Schwager nicht Vergehen gegen Vergehen quittieren wollte, indem er die letzte Geschichte mit den Kindern und was mit Zustimmung der Frau im Hause geschehen war, Dinge, die er von seinem Standpunkt aus verabscheuungswürdig fand, vorbrachte.

Als nun der Rat gegangen und Frau Brita nach Hause geeilt war, blieben die Schwäger allein zurück.

Der Pfarrer gehörte zu der Art von Menschen, die ihren Vorteil darin sehen, durchzustreichen und weiterzugehen. Er hatte vom Leben gelernt, daß der Schimpf, den man nicht beachtet, nicht existiert, und daß die Rache Zeit kostet und Revanche hervorruft. Er hatte deshalb die letzten schimpflichen Schmähungen des Schwagers aus seinem Gedächtnis gestrichen, wenn auch der Eindruck noch in ihm haftete. Noch etwas anderes machte ihn sanft; eine gewisse natürliche und unerklärliche Sympathie für Gustav Borg bewirkte, daß er ihm nicht richtig böse sein konnte; ein sehr gewöhnlicher Fall, der erklärt, warum man gewissen Menschen gegenüber so schwer recht bekommt, auch wenn sie überführt und auf frischer Tat ertappt sind.

Man beklagt sich einem Freunde gegenüber über das häßliche Benehmen eines Abwesenden.

»Das kann ich nicht von ihm glauben! Das ist ihm so unähnlich!« antwortet der Freund.

Man kommt nicht vom Fleck, sondern sitzt wie ein armer Sünder da, der mit einem mißtrauischen Gemüt behaftet ist; die deutlichsten Beweise, die glaubwürdigsten Zeugen helfen nichts.

Also die Schwäger waren allein.

»Das ist eine leidige Geschichte,« begann der Pastor. »Und du hast vor Gericht keine Aussichten; der Richter ist besessen und gibt jeder Frau recht gegen einen Mann, trotz klaren Beweisen. Das ist der Geist der Zeit, siehst du! Hast du nicht neulich von der englischen Dame gelesen, die ihren Mann vergiftet hat? Zweiundfünfzig Ärzte schwuren, sie sei unschuldig; sie aber saß im Gefängnis und legte mittlerweile ein Geständnis ab! Tableau! Jetzt war es aus, sollte man denken! Nein, jetzt kamen Massenpetitionen, die den Giftmord verteidigten, unter dem Vorgeben, der Mann sei ein Schwein gewesen. Von meinem Standpunkt, wohlgemerkt, würde ich es so erklären, daß die Vorsehung die Männer wegen ihrer Unmännlichkeit und Charakterschwäche straft, indem sie die Frauen losläßt. Diese Kreaturen, die nicht die Wahrheit sagen können und deshalb nicht zeugen dürfen, sollen Advokaten und Richter werden. Gott bewahre uns davor! Neulich hat das Postfräulein in großer Gesellschaft erzählt, sie öffne und lese alle Briefe auf der Post. Was soll man dazu sagen? Ich sprach darüber mit einem modernen Herrn, und der sagte, das sei Lüge! Ich wollte ihn zuerst schlagen, aber er erschien mir so interessant, daß ich über ihn nachzudenken anfing. Er wurde böse über meine Geschichte, als sei er eine Frau und fühle sich getroffen. Oder er hatte sich der Frauenfrage verschworen und war böse auf sich selbst, weil er unrecht gehabt hatte. Dies ist das wahrscheinlichste. Deine Aussichten, lieber Schwager, bei Gericht sind klein: denn wenn eine Frau heutzutage einem Mann unrecht tut, so hat sie die Sympathien der ganzen Welt für sich. Und Brita hat dir unrecht getan, das weiß ich, das wissen wir alle! Was kann man dabei tun? Nichts! Aber höre auf meinen Rat! Nimm einen Winkeladvokaten, einen Schuft, der eine große Schnauze hat, und geh nicht selbst hin. Das ist etwas besser als selber da stehen und sich zanken; freilich, sicher bist du trotzdem nicht, denn wenn ein Mann einen Weiberrock sieht, wird er feig. Ich hatte neulich einen Prozeß gegen die Lehrerin hier. Und ich wählte aus dem Haufen eigens einen Advokaten, der unglücklich verheiratet war. Jetzt, dachte ich, kriegt sie es! Jawohl! Kannst du dir denken, dies bezahlte Vieh steht da und verteidigt meine Gegenpartei!«

Gustav Borg hatte nicht ungern diesen tröstenden und teilnehmenden Worten gelauscht, aber er konnte es nicht über sich bringen, zuzugeben, daß der Pfarrer recht habe, denn das hieße einen Irrtum wiedergutmachen. Er fühlte sich im Gegenteil einen Augenblick herausgefordert, zu widersprechen, die Frauen in Schutz zu nehmen, wie er sie stets in seiner Zeitung verteidigt hatte.