Als er nun ging und auf die Landstraße kam, erwachte in ihm ein Nachgefühl des Geschehenen, und er fand, daß die letzten tröstlichen Worte eine Demütigung gewesen seien. Das setzte ihn in Trab, und während er weiterschritt, in die Welt hinaus, faßte er den Entschluß, in die Stadt zu fahren, da seine Anwesenheit hier draußen überflüssig war. Er lenkte deshalb die Schritte nach der Dampferanlegebrücke.
Wie er nach der Uhr sah, fand er, daß bis zur Ankunft des Dampfers noch drei Stunden blieben.
Das war lange, aber er hatte ein neues Leben vor sich und ein altes hinter sich.
Anlegebrücken sind außerordentlich geeignet, um darauf Betrachtungen anzustellen; da ist ebener Boden unter den Füßen, so daß man auf und ab gehen und denken kann; da hört das Land auf und das große, einsame Wasser beginnt; da ist es regungslos still, und man geht und wartet auf etwas, das neue Bewegung in einen bringen, einen an einen andern Ort versetzen, die Anschauungen ändern und das Schicksal umgestalten soll.
Gustav Borg ging auf und ab und dachte. Er war jetzt an dem Punkt im Leben angekommen, den man die Zeit des »Ausessens« nennt. »Das mußt du einmal ausessen,« hatte er so oft sagen hören, ohne es zu verstehen, ohne es zu glauben, in dem rastlosen Vorwärtsschreiten des Lebens. Jetzt verstand er es, aber gleich so vielen andern zog er die falsche Schlußfolgerung, er müsse bereuen und die Lehren zurücknehmen, die durch ihn verbreitet worden waren und nicht ganz zu dem beabsichtigten Ergebnis geführt hatten. Er glaubte seine Arbeit an Irrtümer verschwendet zu haben, die jetzt bekämpft werden mußten, erkannte aber nicht, daß in seinem sogenannten Irrtum ein Teil der Wahrheit lag, die nur unter dem Zusammenwirken der feindlichen Plus- und Minusposten ans Tageslicht kommen konnte. Die Verbesserungen hatten schon die Gegner gemacht, er brauchte sie also nicht von neuem zu machen. Nun grämte er sich über vergeudete Mühe, ärgerte sich, daß er wie ein Narr reaktionär gewirkt hatte, während er Vorspann zu sein glaubte. Und die Leiden, die er jetzt durchmachte, sah er als eine Strafe für das Böse an, das er getan hatte, obwohl sie auch Prüfungen sein konnten.
Diese Abrechnung, die jeder Mensch in einem gewissen Alter durchmacht, ist jedoch nur ein Bücherabschluß der Persönlichkeit, bei dem eine genauere Untersuchung zeigt, daß das relative Böse, das man zwecks Durchführung einer guten Sache andern zufügen mußte, ein notwendiges Böses war. Andererseits aber scheint eine immanente ewige Gerechtigkeit zu fordern, daß auch unschuldig zugefügte Leiden in der Weltordnung neutralisiert werden durch entsprechende Schmerzen bei dem, der sie hervorgerufen hat. Wenn ein in der höheren Buchführung Erfahrener in diesem Augenblick der Abrechnung neben einem Menschen stände, würde er alle Siegel lösen und zu dem vom Stachel der Reue Verwundeten sagen: »Sei getrost! Sieh hier das Gute, das du ausgerichtet hast, und hier das Böse! Jetzt wollen wir Posten gegen Posten quittieren, dann bleibt doch noch ein Saldo zu deinen Gunsten; denn schon daß du dein Leben so gut du vermochtest gelebt hast, ist eine Heldentat; und jeder Mensch, der sich zu einem natürlichen Tode durchgearbeitet hat, ist ein Held; jeder Gestorbene verdiente ein Denkmal, so schwer und mühselig ist es, das Leben zu leben. Und der Elendeste ist nicht weniger bewundernswert, denn seine Last war schwerer als die anderer, sein Kampf größer, sein Leiden tiefer; und warum er ein Elender war, das weiß kein Sterblicher, kann kein Mensch erklären, weder mit Statistik, noch mit Nationalökonomie.«
Gustav Borg konnte die Synthese seines Lebens noch nicht vollenden, sondern befand sich in voller Krisis, da er in das Reich eintrat, das Swedenborg die Vernichtung nennt. Und das schlimmste von allem war: er hatte die Hand gegen sich selbst erhoben; denn er, der Gegner der freien Sittengesetze, war wegen eines Unsittlichkeitsverbrechens angeklagt. Diese Disharmonie war nicht leicht zu lösen.
Von der Brücke sah er die Schornsteine seines Hauses. Gerade jetzt stiegen zwei blaue Rauchwolken empor. Es brannte im Herde, da verbrannte alles und das beste: Gattin und Kinder.