Elftes Kapitel
Der neue Redakteur

Holger Borg war ein Kind seiner Zeit; Ingenieur und Elektrotechniker, lebte er das Leben einfach, ohne Reflexionen, praktisch. Verheiratete sich früh mit einem kleinen Mädchen vom Theater, dem er nach der Sitte der Zeit die Rolle des Kameraden einstudierte. Die Ingenieurwissenschaft sich in der Eile anzueignen, war ja für sie etwas schwierig, aber einige Ausdrücke wie Kontakt und Kurzschluß mußten genügen; sie posierte als Ingenieur und entwickelte sich zu einer Tendenzfrau, die der Welt zeigen wollte, daß die Frau in allen Dingen dem Manne gleich sei. Diese Gleichheit sollte sich auch im Verkehr äußern; der Mann durfte nicht allein ins Café gehen, sondern sie mußte mit; vormittags freilich ging sie allein in die Konditorei; und als der Mann im Anfang die mathematische Ungerechtigkeit konstatieren wollte, wurde er mit der Frage zum Schweigen gebracht, ob sie ein freier Mensch, oder ob sie eine Sklavin sei. Um des Hausfriedens und der Gemütlichkeit willen ließ er die Frage unbeantwortet, gab nach, ordnete sich unter, anfangs mehr im Scherz, immer aber mit Rücksicht darauf, daß es sich gut machen sollte. Er mußte ja die modernste Frau haben, und er wollte nach seinen Lehren leben. Auf diese Art bekam er ganz allmählich eine Gouvernante über sich, eine, die ihn in Gesellschaft korrigierte und ihn schließlich alles lehren wollte, alles, was er besser wußte als sie. Doch er klagte nicht und merkte nicht, daß sich unter ihrer Mütterlichkeit Verachtung verbarg. Ihm ging aber eine Ahnung davon auf, als er sah, daß seine Freunde seine Frau wie ein höheres Wesen, ihn selbst aber wie einen Tropf behandelten. Andererseits schmeichelte es ihm, daß er die stilvollste Frau gefunden hatte; und wenn sie den Mittelpunkt des Kreises bildete, war sein Platz anscheinend darüber.

Zu Beginn der Ehe hatten die Neuvermählten es recht knapp; sie lebten außer dem Hause, weil es billiger war, und manchmal war zu Hause ein Bohêmeleben. Dann kam das Kind. Da bekamen sie es zu spüren. Die Einkünfte des Mannes, die bisher von zwei Personen geteilt worden waren, mußten jetzt von vier geteilt werden. Das war Entsagen, und das liebte man nicht, sondern pumpte und setzte das alte Leben fort. Aber als das Kind drei Jahre alt war, wurde das Kindermädchen verabschiedet, und die Gatten besorgten das Kind selbst. Die Frau, die nichts anderes zu tun hatte, verlangte trotzdem, daß der Mann, der seine Arbeit in der Fabrik und in den Zeitungen hatte, bei der Pflege des Kindes helfe. Es sollte gleich sein, natürlich. Er, der Esel, wagte nicht nein zu sagen, wollte es auch nicht, weil er ihre Arbeit zu adeln wünschte, merkte aber nicht, welche Ungerechtigkeit er unterstützte, und wie er an seinem Untergang arbeitete. Um sich schadlos zu halten, machte er es wie andere Ehemänner: er erfand das geheime Frühstück außer dem Hause; er schützte Sitzungen am Abend vor und kam schließlich in einen Kreis gesetzter Ehemänner, die ihren Punsch zwischen sechs und sieben Uhr abends tranken, um dann zum Abendbrot zu Hause zu sein. Kam er hierauf nach Hause und roch nach Punsch, so wurde die Frau böse; und bei solchen Gelegenheiten hatte das Kind immer keine Strümpfe. Dann half er sich gewöhnlich damit, »er sei eingeladen gewesen«, und nun hätte die Strumpffrage erledigt sein müssen, aber das war nicht der Fall; sie blieb eine stehende.

Er war zum Abendbrot immer zu Hause und war langweilig. Bei Tisch, wenn er das trockene Essen kaute, erinnerte er sich wohl des wollüstigen Frühstücks im Opernkeller; und dann flog bisweilen ein schwaches Leuchten über sein Gesicht, der letzte Wiederschein eines inneren Lächelns, den die Erinnerung an eine lustige Geschichte aus dem Zwischenregister hervorrief. Dann wurde seine Frau finster und merkte, daß er sich ohne sie amüsiert hatte, und sie ärgerte sich, daß er ein Vergnügen haben könne, ohne daß sie dabei sei. Und dann mußte er die lustige Geschichte erzählen. Das war ihr eheliches Recht.

Eines Abends saßen die Gatten wie gewöhnlich zu Hause. Die Frau war angegriffen vom Kindergeschrei, vom Abwaschen, vom Aufdecken.

Auf dem Tisch stand das harte Brot, Margarine und eine geöffnete Konservendose, deren Boden von drei elenden Fischen kaum bedeckt war, die seit mehreren Tagen niemand hatte anrühren mögen und die deshalb trocken waren wie Juchtenleder. Eine Rinde von einem falschen Schweizerkäse und einige Scheiben roher Speck, der geräucherten vorstellen sollte, bildeten die Basen einer Triangulation. Ungemütlichkeit, Nachlässigkeit, Unlust lag in allem, und es wich sehr von dem ab, was man sich unter Heim und heimischem Behagen vorstellte. Dazu dies heimliche Lauern auf die Schwächen des andern, dies Spionieren nach den unausgereiften Gedanken des andern. Sie waren wie zwei Gefangene, die sich heimlich gegenseitig bewachten.

Der Mann sah mit düsteren Blicken die Gerichte an, und beim Betrachten der Anchovis spürte er den schrecklichen Zinngeschmack, das ranzige Öl … Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

»Wenn wir ausgingen und kneipten! Wir sind so lange nicht mehr ausgewesen!«

»Ja, aber Ragnar? Das Kind?«