»Das ist Stil!« sagten einige. Andere aber fanden es zynisch.

Diese Ehe Nummer zwei ging eine Zeitlang so lala. Dann kam natürlich das Puppenheim und der ganze Kram. Ligafrauen und Kanonfrauen, Bundesfrauen und Handschuhfrauen. Das Leben war für einen Ehemann eine Hölle.

Die ganze uralte Idolatrie wurde Gynolatrie oder Frauenanbetung. Man hörte einen atheistischen Dichter erklären, seine Religion sei die Frau. Alle Literatur, die nicht die Frau verherrlichte, wurde für wertlos gehalten, so daß man wirklich mit Spencer glauben konnte, Kunst und Poesie hätten ihren Ursprung in der Kriecherei des Männchens vor dem Weibchen. Es hätte noch angehen können mit dieser Frauenlobpoesie, wenn sie nicht von Selbsterniedrigung des Mannes begleitet gewesen wäre. Männer fanden Genuß darin, sich zu erniedrigen und den Beweis zu erbringen, daß der Mann ein niedrigeres Tier sei, und als die alten Narren Ibsen und Björnson rund heraus erklärten, die Gesellschaft könne nur dadurch gerettet werden, daß die Frau ein-, der Mann aber abgesetzt werde, war die Narrheit auf ihrem Gipfel angelangt.

Kam die norwegische Frage hinzu, so hatte der Doktor ein gemütliches Heim. Zwei Kinder waren freilich aufgewachsen, im Alter von dreizehn und fünfzehn Jahren, aber jetzt wurden auch sie zu Zankäpfeln. Alles war Zankapfel, und mit einer unlenksamen Frau war nichts zu machen.

Warum sie sich nicht scheiden ließen? Die Kinder hielten das Elend zusammen, die Erinnerungen, und dieses Unerforschliche, das Gatten bindet, auch wenn sie sich hassen. Die Okkultisten sagen, daß sie halbgeistige Substrate ineinander erzeugen, die eine Art wesenhaftes Dasein führen; andere meinen, die Seelen des Mannes und der Frau wachsen mit Saugwurzeln ineinander fest und leben im Grunde in einer beständigen Umarmung; sie fühlen miteinander und durcheinander, wie Zwillinge tun sollen; deshalb leidet auch der Teil, der dem andern weh tut; er leidet unter diesem Leiden, das er selbst verschuldet hat; infolgedessen ist man wehrlos gegen die, die man liebt, und lieben ist leiden. Daher ist auch Trennung das schmerzlichste von allem; es heißt das Dasein zerreißen und auflösen, und die Erinnerungen sind die Kinder der Seele; man kann sie nicht verlassen, wann man will. Es gibt Ehepaare, die dreißig Jahre lang mit dem Gedanken umgehen, sich zu trennen, ohne daß es ihnen gelingt; sie trennten sich als Verlobte, als Neuvermählte, als Eheleute; sie trennten sich acht Tage vor der silbernen Hochzeit; und als sie so weit gekommen waren, glaubten sie, jetzt werde es bis ans Lebensende dauern. Aber drei Wochen später ging der Mann von Hause fort und blieb eine Nacht weg, die erste in den fünfundzwanzig Jahren. Am Tage darauf war er wieder daheim, und um die Versöhnung zu versinnbildlichen, richtete er eine neue Wohnung ein; und dann ging es weiter.

Der Doktor hatte durch seine erste Scheidung so gründlich gelitten, daß er beschlossen hatte, in der zweiten Ehe auszuhalten, alles zu leiden, nur keine Erniedrigung. Aber es gibt so vieles, was unmerklich erniedrigt. In Gegenwart der Dienstboten abgekanzelt zu werden ist erniedrigend für einen Mann, und in Gegenwart der Kinder als Idiot behandelt zu werden, ist noch erniedrigender, besonders, wenn man der Klügere ist.

Dies tägliche und stündliche Unterdrücken seiner Neigungen kann schließlich den Stärksten jedes Selbstgefühls berauben, und als der Doktor merkte, daß er in Gefahr war, beschloß er zu fliehen, die einzig mögliche Kampfweise bösen Frauen gegenüber; denn wer sich mit der Bosheit einläßt, gerät selber hinein. Und ihre Bosheit wirkte wie ein Nervengift, das ihn anzustecken drohte.

Der äußere Anlaß zu dem Ausbruch war wie gewöhnlich der Besuch einiger Freundinnen im Hause. Eine von ihnen liebte Frau Dagmar, inwieweit unschuldig, ist schwer zu entscheiden, aber die Damen halten alles für unschuldig, was sie treiben, auch wenn die Grenze überschritten wird.

Diese Freundin begann sich in die Erziehung der Kinder zu mischen. Das Mädchen wurde geschoren, und das Haar des Jungen ließ man wachsen, alles, um die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu verwischen. Doch als der Junge in der Schule wegen dieses seines weiblichen Äußern gehöhnt wurde und der Vater zugleich merkte, daß die Instinkte des Sohnes sich zu verweiblichen begannen, bekam er Angst; nahm eine Schere und schnitt das Haar ab. Als die Mutter das sah, geriet sie in Wut:

»Darf eine Mutter nicht ihre Kinder erziehen?« schrie sie.