Dieses ganze Lügengewebe und diese Ungerechtigkeit verteidigte man damit, daß die Frau jetzt die eingebildeten Ungerechtigkeiten rächen wolle. Was für Ungerechtigkeiten? fragte man. Ja, die ungleiche, aber schöne Teilung der Geschlechter durch die Natur, die nach dem goldenen Schnitt gemacht zu sein schien, bei dem der kleinere Teil sich zum größeren verhält wie der größere zum ganzen. Wo die Frau Schönheit und Reiz bekam, der Mann aber Kraft und Verstand. Wo der Frau die Pflicht zufiel, das Kind zu gebären und aufzuziehen, dem Manne aber, es zu zeugen und Kind und Mutter zu versorgen.
Zu allen Zeiten, wenn ein Mann eine ehrbare Frau liebte, hatte sie alle Garantien gehabt, gut behandelt zu werden, solange sie treu war. Deshalb hatte die Frau immer unrecht, wenn sie sich über ihren Mann beklagte, denn von ihrem Benehmen hing das seine ab. Als ein Amerikaner seiner Frau eine brennende Lampe ins Gesicht geworfen hatte, ließ sich der Friedensrichter folgendermaßen aus: »Was für ein entsetzliches Weib!« – Ja, ein Mann, der eine Frau geliebt hat, muß das Urböse gesehen haben, ehe er sich so weit vergessen kann. Die Frau hat immer unrecht dem Mann gegenüber, weil er der Mann ist und sie die Ergänzung des Mannes.
Der Mann ist der Mensch, der allein die ganze Kultur geschaffen hat: Ackerbau, Industrie, Wissenschaft, Künste, Literatur, deren Früchte er seinem Weibe darbringt (daß ein paar Frauen an einer Ecke mit dabei waren und Kleinarbeit gemacht haben, bedeutet nichts).
Frau Brita und ihresgleichen antworteten: Aber die Frau hat alle Menschen geboren. Darauf muß man erwidern: Der Mann jedoch hat alle Menschen gezeugt und seine Kinder vom Weibe gebären lassen! (Amen!)
Gustav Borg hatte sich aus ererbter Galanterie, die vom Anfang des Jahrhunderts herrührte, als die Ideen des Mittelalters in der Romantik wieder auftauchten, sofort auf die Seite der Damen gestellt; und in der Galanterie oder Ritterlichkeit gegen die Damen liegt ja eine Parteilichkeit und Ungerechtigkeit. Es ist kein Eingeständnis seiner absoluten Inferiorität, wenn ein Mann aufsteht und einer Dame seinen Platz überläßt; es ist das freiwillige Opfer des Stärkeren für den Schwächeren. Aber so wollten die Damen jetzt die Sache nicht mehr ansehen, sondern sie verlangten Unterwerfung vor dem Überlegenen.
Als nun Frau Brita ihre Kraft zeigen wollte, wurde sie roh und gefühllos; und etwas Widerlicheres als ein rohes Frauenzimmer gibt es nicht. Daß sie die Kinder vom Vater trennte, war eine Bagatelle, und daß die Kinder vor Sehnsucht nach dem Vater jammerten, genierte durchaus nicht. Zärtlichkeit, Mitleid, Barmherzigkeit gegen die unschuldigen Kleinen kam nie in Frage, wenn sie nur dem gehaßten Manne ihre Roheit zeigen konnte.
In ihrer Klageschrift führte sie zwanzig Belastungspunkte an, von denen die meisten falsch oder leicht zu beantworten waren. Er sei brutal gewesen (wenn sie ihm gerade ins Gesicht log!), er habe sie in der Ehe vernachlässigt (weil sie sich ihm entzog oder ihre Gunst verkaufen wollte); er sei geizig gewesen (weil sie selbst mit Übersetzungen verdiente und das Geld auf die Bank trug oder es verjubelte); und so weiter.
Vor Gericht zu stehen und seine Frau bloßzustellen, auch als Kupplerin der Tochter, das verbot ihm seine »Ritterlichkeit«. Deshalb gab er einem Advokaten Vollmacht, er solle auf alle Fragen, ob er etwas einzuwenden habe, nur antworten: »Nichts!«
Um die Kinder sich zanken wollte er nicht, denn sie brauchten ihre Mutter nötiger als ihn.
Hätte er sich zu einer Verteidigung mit Gegenanklagen verstehen können, so wären ihm vielleicht Kinder und Besitz zugesprochen worden. Jetzt mußte er alles verlieren; das wußte er, denn der Richter war ein Frauenrechtler.