Inzwischen saß nun Frau Brita auf Storö und regierte. Das Kinderfräulein war natürlich verabschiedet, und die Minderjährigen wurden vernachlässigt. Sich selbst und dem fremden Fräulein überlassen, gingen sie traurig umher und fragten nach dem Vater. Die Barmherzigen antworteten, er sei verreist, die Unbarmherzigen, er sei fortgejagt. Tatsächlich war der Vater beständig unterwegs. Aus der Stadt war er nach Storö zurückgekehrt und hatte sich bei dem Schöffen eingemietet. Von dort machte er Streifzüge über die Insel, bestieg Berge und kletterte auf hohe Bäume, nur um den Dachfirst zu sehen, unter dem seine Kinder lebten.
Nun hatten Esther und Max sich nach Gefallen eingerichtet und machten kein Geheimnis aus ihrem Verhältnis. Ja, sie führten sogar kleine häusliche Szenen auf, die an die allerhäßlichsten der Ehe erinnerten. Die Mutter beobachtete sie, schwieg aber lange. Schließlich eines Nachmittags ging sie zu den jungen Leuten hinein und richtete ohne Umschweife ihre Frage an den Grafen:
»Nun, Max, wann gedenkst du zu heiraten?«
Nach einer Pause der Überraschung antwortete Esther:
»Heiraten? Nie.«
»Hat Max dir nicht die Ehe versprochen?«
»Nein, im Gegenteil,« antwortete Esther; »wir haben uns versprochen, uns nie zu heiraten. Haben wir bei euch und den andern nicht genug Elend gesehen, um von dem Schwur vor Gott, uns unser ganzes Leben lang zu lieben, abgeschreckt zu werden? Wer ist Herr seiner Gefühle und seiner Neigungen? Wer wagt im Frühling zu geloben, daß es nicht Herbst werden wird?«
»Ach so, Graf Max ist so ein Bräutigam, der in den Speisekammern herumsitzt? Wir nannten sie in meiner Jugend Schmarotzer.«
Der Graf erhob sich und erkannte in einem Augenblick das Falsche in seiner Stellung, so daß er verstummte. Aber das Mädchen nahm wieder das Wort.
»Wann bist du zu diesen Ansichten gekommen, Mutter? Du, die …«