»Jetzt,« antwortete die Mutter. »Jetzt, da ich das freie Verhältnis an euch studiert habe. Nachdem ich eure Stürme und euer Zanken mitangehört habe, sehe ich ein, daß das freie ebenso falsch ist wie das gebundene. Es ist also Unsinn, dem Gesetz die Schuld zu geben; ich habe es eigentlich schon vorher gewußt, da ich gesehen habe, daß ausgehaltene Damen und ihre Aushälter ebenso unglücklich sind wie Eheleute und, wohlgemerkt, sich ebenso schwer trennen können, obwohl sie frei sind. Das ist nicht die Schuld der Ehe, sondern es liegt in der Natur der Sache; die Liebe ist Kampf auf Leben und Tod, und aus widerstreitenden Kräften soll ein neues kräftiges Leben geboren werden, mit Rechten an das Leben; diese Rechte werden vorläufig von Staat und Kirche bewacht, die die Vormünder aller ihrer Kinder sind. Jetzt geht ihr hin und bestellt das Aufgebot; Essen und Wohnung bekommt ihr von mir, aber kein Geld.«

»Und der Eid, der falsche Eid?«

»Den nimmt der Staat auf sich; übrigens gibt es die Scheidung, die einen von dem Eid entbindet.«

Das Gespräch war zu Ende, und man trennte sich, um sich erst beim Abendbrot wiederzutreffen.

Die jungen Leute saßen in Esthers Zimmer und waren ernst geworden.

»Wir müssen uns trauen lassen,« sagte der Graf, »denn sonst ist mein Ansehen verloren, und ich kann mich selbst nicht achten.«

»Also meinetwegen Trauung,« antwortete Esther, »doch wir ziehen nie zusammen, denn dann werden wir Feinde, das fühle ich an mir. Gesetzliche Freiheit! Damit bin ich einverstanden. Nicht gesetzlicher Zwang.«

»Gut! Aber Treue, solange das Band besteht,« fügte der Graf hinzu.

»Treue? Das heißt ja sich binden …«