»Sogar um einen Pfaffen! Ja, jetzt sehen wir aber, daß die Kirche schuld ist, wenn die Ehen ab- und die freien Verbindungen zunehmen. Geschehe ihnen nach ihrem Willen.«

»Was machen wir jetzt?«

»Wir gehen zu Holger in die Redaktion und reden uns dies von der Seele.«

»Ja, das tun wir.«


Die Zeitung hatte einen gewaltigen Aufschwung genommen, seit sie in ihrem jungen Redakteur einen neuen Motor bekommen hatte. Kühn, vorurteilsfrei hatte er in seinem Akkumulator alle Ströme gesammelt. Liberalismus, etwas Sozialismus, die ganze Frauenfrage, etwas Theosophie, Tierschutz, Sport, ein wenig Verteidigungsfreundlichkeit neben sukzessiver Abrüstung, Weltbürgerschaft auf patriotischer Basis, prinzipieller Freihandel mit Schutzzoll, wenn die Gefahr es verlangte. Dieser Eklektizismus konnte so aussehen, als sei er durch den Wunsch nach Erhöhung des Abonnentenkreises geboten, aber er hatte wohl andere Gründe. Als die schwedische Landwirtschaft sich Ausgangs der achtziger Jahre in wirklicher Gefahr befand, wurde die Zollfrage in den Kammern aufs Tapet gebracht und versetzte das Land in vollständigen Aufruhr. Wie gewöhnlich wurde die Proposition falsch gestellt: Schutzzoll oder Freihandel; und die ganze Nation teilte sich in zwei Lager: Bauch und Glieder, obwohl keiner recht wußte, wer Bauch war. Die Schutzzöllner siegten, und die Bauern hielten sich für gerettet. Aber im Jahr darauf war eine Mißernte in Rußland, und die schwedischen Bauern, die auch Saatgetreide kaufen mußten, fürchteten Hungersnot. Da wurde der Schutzzoll auf Getreide wieder aufgehoben, der ganze schreckliche Zollkrieg erwies sich als eine Zeit- und Kraftverschwendung, und die Siegenden waren die Verlierer. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gesehen haben, wie die alten Freihandelstheorien Englands aufgegeben wurden, haben wohl unsere Begriffe korrigiert und erkennen, daß das ökonomische Leben sich nicht so mathematisch abwickelt, wie man geglaubt hat. Freihandel bedeutet, daß mehrere Staaten frei ihre Produkte austauschen. Man verliert dann vielleicht an einem Posten, gewinnt aber an einem andern, und allmählich findet zum Vorteil aller ein Ausgleich statt. Daß aber ein Staat sagt: Jetzt bin ich Freihändler, während die andern Schutzzöllner sind, das heißt ja sich selbst plündern und ist im übrigen etwas Unsinniges, da das ganze einen Vertrag zwischen mehreren voraussetzt. Das ist, als wolle man in Kriegszeiten abrüsten.

Alle aber, die den Zollkrieg erlebt und gesehen hatten, daß Recht und Unrecht nicht auf einer bestimmten Seite lag, wurden etwas vorsichtiger; und das ist das Charakteristische in der Physiognomie des Jahrhundertendes: Vorsicht, Bedachtsamkeit. Das hätte man früher Kompromiß genannt im boshaften Sinne oder Krämertum, Skeptizismus in der Bedeutung von Schlappheit des Charakters und der Ansichten. Jetzt trat dieser Ausgleich ein, bei dem der eine tatsächlich von dem andern empfing; man lernte voneinander; der eine tauschte einen Vorteil gegen einen andern ein; die Gesellschaftsklassen vermischten sich, man brauchte nur im Adelsalmanach nachzusehen, wie viele bürgerliche Namen sich mit hochadeligen verbunden hatten und wie viele geringe Posten mit Trägern der größten Namen besetzt waren; der Staat unterstützte den Sozialismus, und die Sozialisten bekämpften den Anarchismus. Die Zeit der Zersplitterung begann in die der Konzentrierung überzugehen, und die Menschen gaben sich Mühe, einander zu verstehen. Manches von dem Neuen hatte sich als ein mißglücktes Experiment erwiesen, doch auch Experimente mit negativem Resultat sind nützlich und erzielen Nebenprodukte; die Alchimisten fanden freilich das Gold nicht, dafür aber entdeckten sie die Schwefelsäure, die viel nützlicher ist.

Als Ingenieur Borg zur Macht gekommen war, hatte er sofort entdeckt, daß es nicht lohne, danach zu streben, eine Meinung zu beherrschen und die andern zu verfolgen, denn dann zeigte sich sofort beim Quartalsende ein Rückgang. Der Kassierer war das Barometer; er sah in seinen Büchern, wie der Wind wehte. Und wenn auch der Redakteur den Mut gehabt hätte, dem wirtschaftlichen Verlust zu trotzen, so sah er doch durch die abgehenden Abonnenten den Einfluß der Zeitung sich verringern. Er verlor also schnell seinen frohen Glauben an die Allmacht der Presse und fand sich allmählich darein, Diener zu sein statt Herr; daher blühte das Geschäft.

Das junge Paar hatte jetzt eine große Wohnung mit drei Dienstboten, und die Redaktion hatte ihr Lokal erweitert. In ihren Räumen gingen Minister, Bauern, Arbeiter, Generale, Schauspieler und Künstler aus und ein. Einfluß hatte man, aber die Macht stand im umgekehrten Verhältnis zu der Abhängigkeit, der man sich unterwerfen mußte. Gehorchen und herrschen!

Heute war Sturm auf der Redaktion. Es gab nämlich Mitarbeiter, die in der verflossenen Zeit lebten und die Zeitung für ihre privaten Interessen benutzten. Jede Notiz, auch die unschuldigste, hatte einen geheimen Sinn: einen Vorteil, einen Nutzen zu erringen, einen Groll zu befriedigen. Besonders hatte der Theaterkritiker sich eine Machtstellung angemaßt, die er mißbrauchte, um zu herrschen und sich als jemand zu fühlen, obwohl er nichts war. In Verbindung mit weiblichen Favoriten bestimmte er über die Schicksale der Menschen, stürzte und lancierte ganz nach Belieben. Besonders hatte er sich des Theaters angenommen, das aus leicht erratbaren Gründen den Namen »Hoflieferant« führte. Es bot schlechtere Dinge als das zweite Theater, genoß aber Protektion und Staatsunterstützung, während das Personal sich zu den höheren Hofbeamten zählte.