»Es heißt, daß er in der Pfarre wohnt.«
Esther ging zu Max hinunter, der am Klavier saß und tat, als spiele er, ohne aber die Tasten niederzudrücken.
»Glaubst du,« fragte sie, »daß Mutters Gewissen erwacht ist?«
»Nein, das glaube ich nicht.«
»Was glaubst du denn?«
»Ja, wenn ich Theosoph wäre, würde ich vermuten, sie sei an seinem Kummer gestorben. Seine Seele, die auf ihre gepfropft war, wurde ja weggerissen, und es fehlte die Zeit für eine sanfte Loslösung; daher wurde ihr Herz zerstückelt. Es ist nicht so leicht, sich zu trennen, wie die Leute glauben, und es ist nicht ungefährlich. Wenn eine Frau ihrem Mann untreu ist, auch wenn er nichts davon weiß, fühlt er es telepathisch und wird von Selbstmordzwang ergriffen. Merkwürdig ist, daß die Mordlust des betrogenen Mannes meistens im Aufhängen ihren Ausbruch sucht. Daß er sterben will, hängt damit zusammen, daß seine Seele durch die Frau in unerlaubte Verbindung mit den niedrigeren Sphären eines Mannes gebracht wird; und der Selbsterhaltungstrieb der Seele ist so stark, daß sie lieber stirbt, als sich verunreinigen läßt. Wenn die Männer wüßten, wie gefährlich es ist, anderer Frauen zu berühren, lebensgefährlich; und wenn sie wüßten, wie geringe Lust ihnen zuteil wird, wenn sie die Frau eines andern besitzen! Sie suchen sie und finden ihn, denn er ist in ihr und versperrt den Weg. Vor kurzem ist ein junger Millionär mit der Frau eines andern durchgebrannt. Sie sind genügend weit gereist, bis in den Orient. Als sie sich nun hatten, konnten sie sich doch nicht kriegen. Deshalb hat er erst sie und dann sich selbst erschossen.«
»Konnten nicht?«
»Nein! So stand es in seinem letzten Brief an – den Mann, der sein Freund gewesen war und es jetzt in der Todesstunde wieder wurde! – Ein anderer Fall! Ein Mann verließ seine Frau, weil nicht mit ihr auszukommen war. Nach einem Jahr verheiratete er sich mit einem jungen Mädchen. Als er in das Brautgemach trat, fand er seine erste Frau im Brautbett. Sie war es natürlich nicht, aber die Ähnlichkeit war so täuschend, daß er von Entsetzen gepackt wurde und vor dem Spuk davonlief. Da hast du die Lösung der rätselhaften Geschichte. Nach ein paar Jahren verheiratete er sich wieder, bekam Kinder und lebt noch jetzt.«
»Das sind unheimliche Geschichten!«
»Aus dem Alltagsleben. Beobachte jetzt deinen Vater, wenn er wieder heimkommt, denn das tut er, aber erst, wenn Mutter in der Erde ist. Er ist gesund. Er vermißt sie nicht, im Gegenteil; er trauert nicht, im Gegenteil; aber er hat Leichenfarbe und leidet besonders an Frost; er friert so entsetzlich, und weinen tut er auch, ohne traurig zu sein. Er magert zugleich ab, und seine körperliche Abnahme steigert sich ungeheuer. Das ist die Loslösung von ihr. Das pflegt ein Jahr zu dauern.«