»Es ist nicht kalt, aber du empfindest es so! – Frierst du jetzt nicht?«

»Ja, ganz furchtbar!«

»Siehst du, es gibt andere Wärmequellen als mechanische Arbeit und chemische Verwandtschaft. – Findest du nicht, es zieht hier im Zimmer?«

»O, es weht.«

»Das bin ich, ich nehme meine Aura zurück; weißt du, was Aura ist? Nein, das steht nicht in deinen Veterinärbüchern. – Hast du mich wirklich nie besessen?«

Esther wurde rot und flüsterte, als schäme sie sich:

»Doch, einmal … im Traum!«

»Das wußte ich,« antwortete der Graf; »und ich weiß wann! Siehst du, mein Kind, ich glaube, daß unsere Körper sich hassen, und das ist so oft der Fall in der Ehe … Jetzt aber hast du den Beweis für die Ausdehnungsfähigkeit der Seele oder ihre anscheinende Kraft, aus sich selbst herauszugehen. – Weißt du, was der nächtliche Alp ist? Das ist die Seele deines Feindes, die dich besucht. Deshalb, siehst du, soll man sich mit Menschen nicht allzu intim einlassen, denn dann kommen sie in Kontakt mit einem und gewinnen dadurch Einfluß oder die Fähigkeit, mit dir in Rapport zu treten. Ich kenne zwei Neuvermählte, die mitten in der Nacht von Herzklopfen und Angst geweckt wurden. Sie konnten es nicht erklären. Aber dann wurde festgestellt, daß das Phänomen mit einem Traum im Zusammenhang stand, den sie gemeinsam gehabt hatten, wenn auch sehr dunkel, so dunkel, daß er nur den Eindruck einer bestimmten Person hinterlassen hatte. Er, der Mann, wollte nicht gern den Namen nennen, denn es war ein Kurmacher seiner Frau vor der Verlobung. Aber als die Frau diesen Namen aussprach, fühlte sich der Mann auch nicht mehr behindert, und siehe da, ihre Gedanken und Träume waren von dem nächtlichen Besuch des Verschmähten gestört worden. Denke dir, wie sorglich man seine Gedanken hüten muß, um nicht ein Verbrechen zu begehen … Jünglinge und Jungfrauen, die im Schlaf gestört werden, werden meistens nicht von ihren Phantasien beunruhigt, wie man glaubt, sondern von den Phantasien anderer, Schlafender oder Wachender. Ich kann mich nicht erinnern, als Jüngling von wollüstigen Träumen gestört worden zu sein, wohl aber von Empfindungen, die von außen heranzudrängen schienen und mir handgreiflich vorkamen. – Um nun aber wieder von deinem Vater zu reden, so ist meine Überzeugung, daß er deine Mutter getötet hat, ohne es zu wissen. Sie ist an ihm erfroren, und wenn du nachsiehst, so ist sie den Tod des Erfrierens gestorben.«

Esther begann im Zimmer auf und ab zu gehen und nahm einen Schal vom Riegel:

»Ich fürchte mich vor dir,« sagte sie. »Ich friere an dir auch zu Tode!«