»Leg den Schal deiner Mutter fort,« sagte der Graf ruhig. »In ihm steckt soviel von ihrer Aura; und das kann dich beunruhigen! Du kannst in krankhafte Stimmungen kommen …«
Esther warf den Schal weg und sagte:
»Es brennt wie Nesseln auf dem Körper!«
»Das Nessusgewand! da hast du es! – Siehst du, wie empfindlich das Seelenleben ist. Du siehst es im Mikroskop nicht, aber mit deinem wachen inneren Auge siehst du es!«
»Warum hast du mir so etwas früher nie gesagt?«
»Wenn ich es gesagt hätte, wäre unser Verhältnis zu Ende gewesen; denn es beruhte ja darauf, daß ich dich in dem Glauben ließ, ich sei dupiert. – Aber mein Kind, du hast nie Geheimnisse für mich gehabt. – Als du das letzte Mal ohne mich auf den Ball gingst, warst du böse auf mich und hattest beschlossen, dich zu rächen. Ich saß zu Hause und begleitete dich in meinen Gedanken. Als du mich verrietest, als du meinen Kopf und meine Ehre einem Kavalier ausliefertest, dessen Persönlichkeit ich errate, da weinte meine Seele wie über ein Verbrechen gegen die Gesetze des Himmels. Und als du dich hinter einer Tür von ihm küssen ließest …«
Esther stand stumm vor Entsetzen da, und ihr Gesicht fragte: »Wie kannst du das wissen?« Max aber, der nur auf diese Bestätigung gewartet hatte, fuhr fort:
»Da hatte ich ein Gefühl von Schmutz auf meiner ganzen Haut, so intensiv, daß ich alle meine Kleider abwerfen und mich in meiner Badewanne abspülen mußte. Du siehst also, daß wir nicht zusammen leben können, da du kein Geheimnis vor mir haben kannst! Nachdem ich also die Gesetze der Ehre erfüllt und dir die Trauung angeboten habe, sage ich dir lebewohl. – Lebwohl! Jetzt nehme ich das meine zurück!«
Er ging, und Esther blieb mitten im Zimmer stehen, starr wie eine Bildsäule.