Der Fürst soll nicht auf Kleinigkeiten achten, über so etwas muß er erhaben sein; seine Gnade soll die Würdigen treffen, nicht die Unwürdigen; denn Gnade wird leicht Unrecht.
Der Fürst soll die Schwachen schützen, nicht weil sie schwach sind, sondern wenn sie unterdrückt werden, sonst nicht.
Allgemeine Worte, die auf besondere Fälle angewendet werden konnten, bildeten den Inhalt des Artikels. Das Urteil war aber gefällt worden und lautete auf drei Monate Gefängnis. Man fragte sich, wie das möglich sei.
Es war in den letzten Jahren viel geschehen: durch die Schutzzölle hatte das Reich sich isoliert; durch die Annäherung der Regierung an das Deutsche Reich hatte sich in den oberen Schichten ein gewisser Junker- und Militärgeist der Gemüter bemächtigt; und jetzt nach dem außerordentlichen Reichstag, als die Armee in die Erziehung der Nation eingriff, wurde die Luft dick. Die Kriegsdrohungen und Rüstungen der Norweger erschreckten die Stillen im Lande; das Vorrücken der Sozialdemokratie bedrohte die Grundfesten der Gesellschaft; deshalb sammelte sich alle Hilflosigkeit, alles, was müde und faul war, unter dem höchsten Schirm, und in dieser hochbürgerlichen Majorität wurde Anklage und Urteil mit einstimmiger Befriedigung begrüßt.
Holger Borgs Heim hatte mit dem wachsenden Einfluß der Zeitung den Charakter geändert und war eine Zuflucht für mancherlei Leute geworden. Die Frau des Hauses aber, die die Einladungslisten aufstellte, merkte bald, daß sich die Zahl der Absagen erhöhte, so daß man die Einladungen nach Klassen oder Klubs ergehen lassen mußte. So wurden besondere Gesellschaften für höhere Offiziere, ehemalige Staatsräte und Ausschußmitglieder veranstaltet; das war das Aufgebot erster Klasse. Viele kamen, weil sie nicht wegzubleiben wagten, und alle, die gezwungen worden waren, zeigten unverhohlen, daß sie nicht freiwillig gekommen seien. Sie beobachteten nicht die gewöhnliche Höflichkeit, sie unterhielten die Wirtin nicht, sie schwiegen und aßen, ließen aber wohl ein paar Gerichte unberührt vorbeigehen, weil sie schon vorher satt waren. All dies demütigte den strammen Ingenieur, aber seine Frau wollte es, und da er die Rechte der Frau vertrat, durfte sie bestimmen.
Gerade so ein Diner fand statt, als man die Anklage erwartete. Die höheren Offiziere waren weggeblieben, und es war nur ein Hauptmann anwesend. Er war da, teils weil er Wechselschulden hatte, teils weil er kleine Notizen aus dem Generalstab in die Zeitung brachte, anscheinend unschuldige Notizen, die aber einen recht gediegenen Inhalt hatten. Heute saß er auf hohem Pferd, weil seine Vorgesetzten abwesend waren und er die Ungnade witterte. Er stocherte mit dem Dessertmesser in den Zähnen, schenkte sich selbst ein und steckte sich Zigaretten an. Die Frau des Hauses war nervös, und da sie die häßliche Gewohnheit angenommen hatte, ihren Mann zu korrigieren, tadelte sie alles, was er tat, mehr aus Gedankenlosigkeit und mangelnder Beherrschung als aus Bosheit. Der Mann, der einerseits durch die Frau, andererseits durch das ungehobelte Benehmen des Hauptmanns gereizt war, verstummte völlig, und sein Schweigen wirkte auf die Gesellschaft. Man beugte die Köpfe über die Teller und wagte sich nicht anzusehen.
Die gemütliche Verzauberung, die bei einem festlichen Mahl zu herrschen pflegt, wo man aus den funkelnden Gläsern Vergessenheit getrunken zu haben scheint, wo man einige halbe Stunden miteinander verlebt in der vollständigen Illusion, befreundet zu sein und keinen Streit miteinander zu haben, war gebrochen. Alle waren erwacht und bewußt und saßen wie entkleidet einander gegenüber; sie hörten die verschwiegenen Gedanken des andern, sie sprachen mit den Mienen die Geheimnisse aller aus; alle Interessen und Passionen, die sie hier zusammengeführt hatten, schienen bloßgelegt zu sein, und sie schämten sich voreinander und vor sich selbst. Die Wirtin, die für diese Gelegenheit die Bohêmemanieren abgelegt hatte und steif und feierlich gewesen war, schlug jetzt um und nahm einen andern Ton an, da sie sah, daß das Feld aufgegeben war; in reiner Verzweiflung leerte sie ein volles Glas, um sich Mut zu machen, und dedizierte dann das Glas dem Hauptmann, der sofort die Situation erfaßte und beschloß, die Gesellschaft aufzuheitern. Eine Erinnerung daran, daß die Zeitung die »unanständige Literatur«, die er nie las, in Schutz und Schirm nahm und gewisse Gerüchte über die Feste dritter Klasse für die Künstlerbohême, auf denen es so lustig zugehen sollte, tauchten vom Grunde des letzten Glases auf; er vergaß die grauen Köpfe der weisen Männer und legte sich ins Zeug.
»Nun, es soll auf Ihren Künstlerfesten ja so lustig hergehen,« sagte er, »ich habe saftige Sachen erzählen hören, und ich möchte gern nächstes Mal mit dabei sein.«
»Was haben Sie denn gehört?« fragte die Frau unvorsichtigerweise; aber jetzt sollte es lustig werden, einerlei um welchen Preis.