Ein plötzliches Verlangen, von etwas anderm zu sprechen, überfiel beide; sie sehnten sich wahrscheinlich nach einem Aufschub der schmerzhaften Operation. Esther sah sich um unter den vielen Menschen, um einen zu finden, der Stoff liefern, eine Vorstellung von etwas Entlegenem wecken konnte. Da saß ein Hauptmann in Artillerieuniform, und sofort hatte sie einen Anhalt, um sie beide der Verstimmung zu entreißen:

»Erinnerst du dich,« begann sie, »im vorigen Jahr des französischen Artilleriehauptmanns, der als überführter Spion deportiert wurde?«

»Ja,« antwortete Max zerstreut.

»Es beginnt jetzt das Gerücht zu gehen, daß er unschuldig war; was glaubst du von der Sache?«

Max liebte solche Sprünge in der Unterhaltung nicht; es erschien ihm wie ein Versuch, ihn zu betrügen, seine Gedanken in Bahnen zu locken, in die er nicht wollte. Er antwortete aber, um nicht unhöflich zu sein.

»Ich war damals gerade in Paris und hatte den Eindruck, daß er schuldig sei, was ich sehr natürlich fand, da er als deutschsprechender Elsässer geboren ist und seine Heimat 1871 annektiert wurde.«

»Warum glaubst du denn, er sei schuldig gewesen?«

Der Graf suchte im Gedächtnis nach einer ihm gleichgültigen Sache und entgegnete:

»Der Hauptmann blieb Franzose, seine Verwandten in Mülhausen aber wurden Deutsche; und wenn Dreyfus, so hieß er ja wohl, sie jeden Sommer besuchte, so war es ja klar, daß er manches ausplauderte. Ich hörte auch, er habe in Fontainebleau oder irgendwo anders den Besuch eines deutschen Bruders bekommen und ihm eine Reihe neuer Erfindungen gezeigt, sofern daran überhaupt etwas zu zeigen war.«