»Ich komme von etwas Großem und Schönem; ich war im Ritterhaus auf dem Religionskongreß und habe gehört, wie ein Bischof einem Rabbiner Schmeicheleien sagte.«
Isak Levi schien weniger begeistert, als der Architekt erwartet hatte, denn Isak zählte die religiösen Dinge zu dem, worüber man nicht spricht.
Der Doktor dagegen nahm das Thema auf:
»Ja, auch das ist Nachklang! Das Religionsparlament in Chikago 1893 war viel größer. Da waren alle Völker und Religionen der Erde vertreten, und die Versammlung nahm jeden Morgen den Segen des jeweiligen Präsidenten entgegen, mochte er nun Mohammedaner, Buddhist, Katholik oder Protestant sein, und der Papst selbst sandte seinen Glückwunsch … In unserm Kongreß fehlt etwas Wesentliches, und zwar ein Katholik.«
»So, bist du auch Katholik geworden?« erwiderte Kurt.
Der Doktor antwortete auf die dumme Frage nicht.
»Es liegt etwas so exklusiv, lutherisch Alleinseligmachendes in dieser Versammlung; deshalb ist sie borniert wie alles Lutherische. Im übrigen erinnert ihr euch wohl nicht, daß Pius IX. 1868 ebenfalls Griechen, Protestanten und andere Nichtkatholiken zu dem vatikanischen Konzil zusammenberief, um zunächst einmal einen Kompromiß zwischen den Christen zustandezubringen. Die eingeladenen Ketzer kamen nicht, und so wurde es, wie es wurde!«
»Ja, das kann sein,« entgegnete Kurt, »aber hier ist Großes im Werden, und im neuen Jahrhundert werden wir etwas Neues sehen.«
»Die französische Aufklärung bei der Revolution war viel weiter vorgeschritten als wir jetzt sind; sie rissen alles nieder, und was der Kongreß jetzt langsam abträgt, ist nur das, was ihr eigener Widerstand aufgebaut hat.«
Es hatte sich bewölkt und der Himmel war mit sepiafarbenen Wollkämmen gestreift, die auf dem Kopf standen. Es dunkelte oben, aber die weiße Stadt stand nur noch weißer da und lächelte den schwarzen Himmel an.