»Wir wollen uns für eine Weile trennen,« sagte Esther, »dann treffen wir uns in einer Stunde am Ausgang wieder.«
»Danke, daß du so intelligent bist!« antwortete Max; »aber wir trennen uns als Freunde, sonst laufen wir sofort hintereinander her.«
»Als Freunde!«
Die weiße Stadt der Ausstellung lag unter dem drohenden Zyklonhimmel, der sich gar nicht auftun wollte.
Es war eine improvisierte Architektur, die nicht an Schweden, eher an den Orient erinnerte. Wo nahmen die Baumeister diese Inspiration her? Von den Ländern des Sonnenaufgangs, wohin jetzt die Blicke der Welt sich mit Erwartung und Zittern wenden, nachdem Japan einen Stoß gegeben hat, der die Bewegung nach Westen weiterpflanzt und vielleicht eine neue Epoche in der Weltgeschichte einleiten wird, so neu, daß die Geschichtsschreiber sie die neuere Zeit nennen werden und alles Vorangegangene, unsere Zeit einbegriffen, die ältere. Man hat in das große Wespennest dahinten im Osten hineingestochen, und nun sind die Gelben und Schwarzen ausgeschwärmt. Aber der ferne Westen im Sonnenuntergang hatte sich auch gerührt. Alle Völker der Erde waren dahinten zusammengemaischt und hatten eine neue Brut erzeugt, die schließlich ihre Weltbürgerschaft empfand, die die Markscheide des Atlantischen Ozeans nicht anerkannte, sondern bei der Teilung der Welt dabei sein, zu den europäischen Großmächten gerechnet sein wollte. Das alte Spanien, der Hidalgo, der erste Eroberer Amerikas, war hinausgeworfen worden, und Columbus hatte aus seinem ersten Grabe auf Haiti die erlittene Unbill gerächt. In dieser gespenstischen Umarmung von Osten und Westen fühlte Europa sein Dasein bedroht, und verschüchtert wie Vögelchen scharten die Völker sich in erzwungener Freundschaft zusammen, die ihren ersten Ausdruck in dem Erlaß des Zaren fand, diesem Erlaß, der später der Anlaß zu dem Friedenskongreß im Haag wurde, der wohl zunächst bedeutete: Zusammenschluß der europäischen Mächte zu gemeinsamer Verteidigung gegen gemeinsame Feinde, also nicht Weltfrieden. Die gepanzerte Faust hatte die Tore der chinesischen Mauer eingeschlagen, und die Revanchemänner von Sedan gaben die Revanche auf, um mit den Preußen zusammen zu fechten. Die Europäer hatten aufgehört, Provinzpatrioten zu sein, und ihre Nationen waren Erinnerungen geworden, ähnlich den Landsmannschaften der Studenten, die bei festlichen Gelegenheiten eigene Fahnen trugen, für gewöhnlich aber Mitglieder der Studentenschaft waren. Im Vorgefühl seines Untergangs als Korporation hatte Schweden sich auch aufgerafft, hatte sich zurückgewandt, um seine Erinnerungen zu sehen, hatte die Büroschränke aufgeräumt und das sortiert, was aufbewahrt, und das, was verbrannt werden sollte. Kirchen, Schlösser und Hütten waren durchsucht worden und alle Erinnerungen auf dem heiligen Berge, der Schanze, gesammelt.
Über der weißen Kosmopolis der Ausstellung erhob sich der Schanzenberg mit seinem schwarzen Kiefernwald und seinen ländlichen, altmodischen Glockentürmen. Sie läuteten eine Vergangenheit zu Grabe, die nach dem Glauben vieler jetzt eine Zeit der Auferstehung werden würde. Und die Dichter riefen die Schatten auf, beschworen Karl XII. und seinesgleichen. Wege und Pfade auf dem heiligen Berge trugen alle große Namen, um das Selbstgefühl der Nation zu wecken und den Zusammenhang zwischen den gespaltenen Parteien zu stärken, die sich jetzt in dem Vergangenen einen sollten.
Im Pressepavillon saßen Doktor Borg und Redakteur Holger in einem Privatzimmer und tobten fürchterlich. Der Doktor war rasend.
»Dies ist ja eine Maskerade, und du darfst der Eitelkeit deiner Landsleute nicht schmeicheln, so daß sie die Besinnung verlieren und alle Karl XII. zu sein glauben. Wir können uns in der Jetztzeit nur aufrichtig für die Zukunft sammeln. Die Dynastie stammt ja erst von 1809 und kann ihre Ahnen nicht von Lützen und Narwa her rechnen; der halbe Adel ist exotisch, und ganz Schonen ist ja erst nach der Schlacht bei Lund schwedisch geworden; du kannst von den Bewohnern Schonens nicht verlangen, daß sie für Breitenfeld, wo sie nicht dabei waren, hurra schreien; der Kommissar der Ausstellung, unser Freund Isak, ist ein Fremdling aus dem Orient und kann wohl weder Luther, noch Karl XI. feiern; ihr seid taktlos, und ihr verletzt, ohne es zu wissen! Der Schanzenmann selbst ist ein Exot, darauf schwöre ich, und ich als Negerknabe kann ebensowenig wie Syrach und Isak den Enthusiasmus Grönlunds für schwedische Bauernmädchen und Volkstänze teilen. Dies hier ist nicht aufrichtig, und du müßtest vor allem kommandieren: Vorwärts sehen! – Du hast die berechtigten Angriffe des Rabbiners auf unsere Anbetung der schäbigen Vergangenheit nicht beachtet, als er gestern auf dem Kongreß gegen unsere auf Hellas und Rom fußende Bildung loszog. Er machte einen dicken Kreidestrich durch Platos Idealstaat, den er – mitten im Ritterhause – einen Päderastenstaat nannte! Wäre ich dagewesen, hätte ich ihn auf die Schultern gehoben. – Was Satan haben wir mit Griechenland und Rom und Karl XII. zu tun? Ihr lebt unten in den Gräbern mit Leichen, während Gegenwart und Zukunft an euch vorbeirauschen. Aber das ist diese schauerliche Erziehung, die wir in den Schulen und auf der Universität bekommen, und das ist das Abiturientenexamen, das jetzt einem Magisterexamen der dreißiger Jahre entspricht.«
»Was soll man denn aber tun?«