»Fachschulen und Ausbildung für den Beruf! Laßt die Juristen mit vierzehn Jahren als Schreiber und Laufjungen bei den Advokaten anfangen; schickt die Mediziner im selben Alter als Wärter in das Krankenhaus; laßt die Ingenieure als Feiler in der Werkstatt, die Pfarrer, wenn es welche geben muß, als Küster beginnen, laßt sie die Gesangbuchnummern aufstellen und bei einem Standesbeamten Büroarbeiten lernen. Schließt die vier Fakultäten und konfirmiert die Kinder von der Volksschule aus mit Lesen, Schreiben und den vier Spezies: dann hinaus mit ihnen, damit sie sich in ihrem Fach ausbilden. Heutzutage muß man sein Handwerk verstehen, sonst geht man in der Konkurrenz unter; und wir können nichts, nur konversieren in Salons, Wirtshäusern und Versammlungen. Wir sollen versiert sein und mit den Damen über alles sprechen können, aber wir sind auf allen Gebieten nur Dilettanten. Wo sollen wir Staatsmänner herbekommen, wenn keine Staatswissenschaft gelehrt wird? Unsere Regierung ist doch auch ein Theater. Im Sommer sieht man einen Marineminister Kirche und Schule verwalten, ein Gardeoffizier leitet die Landwirtschaft, und ein früherer Assessor dirigiert Heer und Flotte. Ist das Staatskunst? Und der Minister kommt nicht dazu, von seinem Ressortchef die Elemente zu lernen, bevor er pensioniert wird. Deshalb ist das ganze Land von diesen Staatsräten überlaufen, und wenn man einen Schuljungen fragt, was er werden will, so antwortet er: Ich will Staatsrat außer Diensten werden! Um Landrichter zu werden, muß man die Gesetze kennen, aber um Departementschef und Minister zu werden, braucht man überhaupt nichts zu können. Ich will nicht von den votierenden Reichstagsabgeordneten sprechen, die haben so viel Schamgefühl, daß sie sich meistens die Verfassung kaufen, aber die Ausschußmitglieder, die tatsächlich die Gesetze geben, müßten alle Gesetze des Landes kennen und ausgebildete Staatsmänner sein. Bestände der Ausschuß aus Staatsmännern, so würden sie in Permanenz tagen und mit den Ministerien zusammenarbeiten, nicht wie jetzt einige Monate lang störend auftreten, auf gut Glück und stets als Feinde der Regierung eingreifen. Warum müssen Regierung und Reichstag stets als Feinde auftreten, stets einander zu ducken suchen? Einen Antrag durchbringen heißt doch einen Rekord schlagen, und wenn ein Minister die Majorität hat, so hat er einen Preis gewonnen – den Preis, nicht weggejagt zu werden, im Amt bleiben zu dürfen. – Und worüber wird im Reichstag gesprochen? Über Sch…; über Varietés und Opernkeller, über Pensionen und Brückenbauten; sogar über polizeiliche Angelegenheiten, über Soldatenexzesse, Pferdefütterung, Dünnbierbehandlung und Besichtigungsabenteuer, über die Toiletten der Damen und das Rauchen der Schuljungen. Ist das Staatskunst? – Der Reichstag hat ja seine Inkompetenz bewiesen, da er alle wichtigen Angelegenheiten an Kommissionen von Sachverständigen verweist; der Reichstag selbst aber sollte doch aus Sachverständigen bestehen! – Ist das Regierung, sind das Gesetzgeber?«
»Was kann man da tun?«
»Nichts! Doch, schleifen, schleifen! Unterm Schnee kann nichts wachsen; man kann nichts bauen, ohne das alte Haus niedergerissen zu haben. Geht nur negativ zu Werk; kommt nie mit einem positiven Vorschlag, der ist nur lächerlich; hebt alte Gesetze auf, gebt Freiheit und laßt die Kräfte wirken! Du sollst ein Wecker sein, nicht ein Einschläferer! Und jetzt adieu, die Uhr hat sieben geschlagen!«
Am Fuße des Schanzenberges, ganz als gehöre es dahin, erhob sich ein schwarzes Haus, das in der Hauptsache aus einem drückenden Dach bestand; altes morsches Holz, das besonders präpariert war, damit es morsch aussehen sollte; eine Reihe kleiner Fenster dicht über dem Erdboden deutete Abneigung gegen Licht an. Es sah wie eine Scheune aus, konnte aber eine Kirche sein.
Doktor Borg und Isak Levi standen davor und betrachteten es, und der Doktor sprach selbst wie gewöhnlich:
»Da hast du Norwegen, schwarz und morsch wirft es seinen Schatten über unsere helle Stadt. Das hohe Dach ist nur Prahlerei, es ist nichts darunter; keine Kammern und kein Boden, es hat gar keinen Zweck, bloß Bauernprotzerei!«
»Bist du jetzt Norwegerhasser?«
»Ja, ganz verd…! – Warum sollte ich meinen Feind nicht hassen? Warum sollte ich die Norweger nicht hassen, wenn sie mit ihrem Schwedenhaß prahlen? Ich kann mir wohl meine Antipathien und Sympathien selbst aussuchen wie andere Sterbliche auch. Hast du etwas dagegen einzuwenden?«