»Aber du arbeitest für ein freies Norwegen!«

»Jawohl, ich erkenne seine berechtigte Forderung an, aber ich will auch frei werden von diesem schwarzen Unfug, der über uns gekommen ist wie eine Geisteskrankheit. Sollen wir den Dovrealten und seine alberne Nora anbeten? Weißt du, wie Zola ihn nennt? ›Die letzte Frucht aus den verdorrten Lenden unserer guten George Sand.‹ Sardou nennt ihn ›einen Narren‹ und Tolstoi, sagt ›er sei gestört‹. Der wird in Schweden angebetet! Nun, er ist noch der Pfarrer! Aber der Küster ist noch schlimmer! Wie alte Gorillas wirken die beiden, und findest du nicht, Isak, daß der Pfarrer aussieht wie einer von unsere Leut?«

»Ja, da kannst du recht haben,« antwortete Isak. »Er ist wohl nicht nur Germane. In den Fliegenden wurde er Froschmaul genannt.«

»Und die ganze norwegische Befreiungspolitik ist unter Karolines grober Hand zu einem Kampf um die norwegische Gesandtschaft ausgeartet, von wo Norwegen die schwedische Gesellschaft zu beherrschen glaubt. Ich gehe nie mehr in die Gesandtschaft; ich habe es satt, auf die Dovrealten und die Boheme von Kristiania anzustoßen, und ich will nichts von ihrem Gehechel über Andrés Ballonfahrt hören. Weißt du, was für ein Unterschied zwischen Schweden und Norwegen ist? Derselbe Unterschied wie zwischen Nordenskjöld und Nansen. Nordenskjöld fand die versprochene nordöstliche Durchfahrt, wurde aber nicht Nationalheld; Nansen fand den verheißenen Nordpol nicht, wurde aber Nationalheld. Schweden ist ein Stiefmutterland, deshalb macht es gewöhnlich seine Größen aus Nichts, es stöbert Nullen auf und erhöht sie zu Potenzen …«

»Ja, aber du hast an der Heiligsprechung des Dovrealten mitgewirkt!«

»Du weißt ja, wie das zugeht: man wird nicht in Ruhe gelassen, bis man dem Haufen einen Knochen hinwirft. Auf die Weise bin ich auch Wagnerianer geworden, obwohl ich finde, daß er nur unmusikalische und häßliche Musik geschrieben hat; ›geschrieben‹ ist das richtige Wort, denn sie ist weder gehört noch komponiert; sie ist geschrieben. Aber wir leben in einer perversen Zeit, und in einer demokratischen. Ich frage mich auch bisweilen, ob diese Demokratie, für die wir uns abmühen, nicht etwas Falsches ist: wo der Unwissende Kenntnisse mitteilen, der Ratlose raten, der Schwache herrschen, der Unterdrückte unterdrücken und die Masse es machen soll. In einem Staat aber wie dem unsern, wo die eine Hälfte der Nation aufschreibt, was die andere tut, wo der Staatskalender so groß ist wie die Kirchenbibel, wo die Beamtengehälter ein Nationalvermögen ausmachen, die Ämter feudal und die Beamten Vasallen geworden sind, da ist vielleicht eine ständige Demagogie als Gegengewicht erforderlich. Aber das Kuriose ist nun, daß der Demos royalistisch, akademisch, aristokratisch, sportsnobistisch, Karl der Zwölftisch, schanzpatriotisch, der Hof hingegen demokratisch, demagogisch, demütig ist. Der Demos hat es übernommen, an die prätorianische Garde zwölf Jahre lang eine halbe Milliarde zu zahlen; wenn sie sich jedoch außerstande sehen, zu bezahlen, reißen sie aus nach Amerika. Aber die Schuldenlast des Reiches besteht nicht nur aus Hypotheken und den Zehnten der Gemeinden, sie besteht auch aus Wechseln der Banken. Aller Handel vollzieht sich auf Kredit und Wechsel; das ist Vorschuß; und Vorschuß ist ungeleistete Arbeit. Die ganze Nation lebt von sechsmonatigem Vorschuß; man stellt für die Miete einen Wechsel aus, einen Wechsel für die Steuer, einen Wechsel für den Haushalt. Aber man löst den Wechsel nach sechs Monaten nicht ein, sondern erneuert ihn und bezahlt die Zinsen mit einem neuen Wechsel. Man lebt also – von ungeleisteter Arbeit. Und die ganze Berechnung des Nationalvermögens ist falsch. Ausgesogener Boden ist nichts wert; verfallene Schlösser kosten nur Unterhalt; rostige Eisenbahnschienen und benutzte Lokomotiven können nur als altes Eisen verkauft werden, stehen aber trotzdem noch im Hauptbuch des Reiches als Vermögen; Wasserfälle haben keinen Wert, bevor nicht die Fabrik daneben steht, die Fabrik hat keinen Wert, bevor nicht die Arbeiter da sind, und der Arbeiter ist nichts wert, wenn er nicht tüchtig ist; aber das Fabrikat ist auch nichts wert, bevor es nicht Absatz gefunden hat. Das Eisen in Norrland sollte uns retten, aber Rückschrittler haben das verhindert. Wohin treiben wir? Die Entwickelung geht sprungweise vorwärts und mit Überraschungen. Es ist ja möglich, daß die norrländischen Goldgerüchte sich eines schönen Tages bestätigen! Stelle dir dann ein Schweden als Sammelplatz aller Nationen der Welt vor. Die Volksmenge vermehrt sich, Norrland wird dicht mit Städten besiedelt, der Acker wird im Stich gelassen, und die Ureinwohner saufen sich zu Tode wie die Rothäute. Nach einem Menschenalter ist eine neue kosmopolitische Rasse Besitzer des alten Schwedens und der Reichstag ist mit Farbigen bevölkert …«

»Glaubst du daran?«

»Nein, das tue ich freilich nicht, aber möglich ist alles. Es kann ja auch anders kommen, – auf diese Art geht es jedenfalls nicht länger! Und es ist deine Pflicht, das tagaus, tagein zu sagen, zu schreiben, herauszuschreien! Auch vor tauben Ohren.«

Er verließ den Pavillon und ging in das Menschengewimmel hinaus, in dem die Gesichter der Fremden ihn erfreuten, wie weitgereiste Gäste den Einsiedler in der Wildnis erfreuen, und wo der Klang der ausländischen lebenden Sprachen ihn daran erinnerte, daß seine eigene zu den toten Sprachen gehörte, da sie außerhalb seiner Landesgrenzen niemand verstand.