Achtzehntes Kapitel
Die Neujahrsnacht
Jahre waren vergangen; das Jahrhundert war wirklich zu Ende; nur noch wenige Stunden waren übrig. Die Familie Borg wollte sich in den Gotischen Zimmern versammeln und gegen Mitternacht nach der Schanze hinausziehen. Das Leben läuft schnell, und dies Lokal war nicht mehr in Mode, sondern das literarische Hotel Rydberg hatte die Oberhand; und wenn einer vom Roten Zimmer sprechen wollte, so klang es wie Vergangenheit, und wurde mit der »Grünen Raute« und ähnlichem verwechselt.
Die Gesellschaft hatte sich eingefunden, und der alte Redakteur Borg, der jetzt über sechzig war, war auch da. Eine improvisierte Versöhnung war, zu Ehren des Tages, zustande gekommen. Esther, die im Begriff stand, ihr Examen zu beenden, war die einzige Dame; alle andern waren ins Versteck gekrochen und wieder ins Haus verwiesen, nachdem das kameradschaftliche Leben in den Kneipen sich als unhaltbar erwiesen hatte. – »Sie liefen mit ihren gegenseitigen Frauen herum, so daß man nicht wußte, mit wem sie verheiratet waren.« Die Sachlage war so, daß sie sich scheiden ließen und sich unmittelbar wiederverheirateten, unmittelbar, so daß man schließlich dahin kam, daß die Damen ihren Mädchennamen behielten. Die Biographen erwähnten nicht mehr, mit wem die berühmten Leute verheiratet waren, und der Adelsalmanach erfand als Euphemismus für Geschiedene, die sich wieder verheiratet hatten, die Bezeichnung: »Zum zweitenmal verheiratet.« Schließlich wurde in einem Nachbarlande vorgeschlagen, daß auch die Mädchen Frauen genannt werden sollten, da sie meistens nicht mehr Mädchen seien, sondern auf den Promenaden mit ihren Kindern spazieren gingen.
Auf einem Tisch in den Gotischen Zimmern lag eine Liste zum Unterzeichnen. Alle hatten ihre Namen unterschrieben, außer Doktor Borg, der doch selbst diese Adresse an Zola aufgesetzt hatte, in der die Bewunderung für seinen Mut im Dreyfusprozeß ausgedrückt wurde und die Hoffnung, daß das neue Jahrhundert die völlige Rehabilitierung seines Schützlings erleben werde. »Gerechtigkeit, aber nicht Gnade!«
»Nun, Doktor,« sagte Isak Levi, »willst du nicht unterschreiben? Vielleicht glaubst du, daß er schuldig ist?«
Das Thema war noch so explosiv, daß man Dreyfus' Namen nicht gern nannte, diesen Namen, der in den letzten Jahren die Menschheit in zwei Hälften gespalten hatte.
Der Doktor nahm die Feder und unterschrieb seine eigene Adresse mit einigen raschen Strichen.
»Wenn ich mich nur nicht um Ehre und Gewissen geschrieben habe,« sagte er.