Brita zitterte vor Wut, konnte aus ihrem Kopf aber diese Dummheiten nicht herausbringen, die sie aus einer verflossenen Zeit mitschleppte, in der die Ritterlichkeit verlangte, der Mann müsse alles dem Idol opfern. Der Doktor, der sich von allen alten Vorurteilen befreit hatte, sah den Augenblick gekommen, reinen Tisch zu machen und den fixen Ideen der Schwägerin auf den Grund zu gehen.
»Und daß die Frau im allgemeinen schlechter bezahlt wird,« fuhr er fort, »das beruht auf dem wichtigen Faktum, daß sie ihre Liebe nicht zu bezahlen braucht, sondern in irgendeiner Weise dafür bezahlt wird. Das Gesetz verurteilt nämlich nur den Mann zur Alimentenzahlung, nie die Frau, die doch die größte Freude an der Mutterschaft hat und deren Besitzrecht am Kinde indisputabel ist! – Ja, und dann willst du die Prostitution abschaffen! Weißt du, was du unter Prostitution verstehst? Meinst du die ärztliche Aufsicht, so bist du unbarmherzig, wenn du sie abschaffen willst! Meinst du aber die Tatsache, daß ein Haufen Weiber aus dem Geschlechtsleben ein Gewerbe macht, so kann das Gesetz diese Tatsache nicht abschaffen, denn in das Geheimste und Intimste kann das Gesetz nicht eingreifen! Aber ihr wollt nie auf die Frage antworten, sondern kriecht wie Ratten aus einem Loch ins andere. Die Polizei versucht durch Kontrolle die Prostitution einzuschränken und von der Ausübung des Gewerbes abzuschrecken, arbeitet also in eurem Sinne; aber ihr arbeitet ja den Verhütungsmaßregeln entgegen. Was wollt ihr? Das wißt ihr nicht. Deshalb ist alles Unsinn, was ihr faselt! – Ist sonst noch etwas übrig? Stimmrecht? Ja, erst für den Mann, dann wollen wir später weiter sehen, wenn ihr erst Gerechtigkeit und Vernunft gelernt habt.«
»Und du verlangst, daß ich mit dir zusammen arbeite?«
»Ja, in allen Punkten, in denen wir einig sind, und in all deinen Bestrebungen, die Achtung verdienen und die ich, wie du weißt, an dir schätze! Aber ich erbitte nicht deinen Beistand in einer guten Sache, um dir dafür in einer ungerechten beizustehen. Wenn du, in deinem Hause Herrscherin, die Sklavin spielen willst, so sehe ich in dir eine Betrügerin, der ich ins Gesicht spucken werde. Das weißt du im voraus, Brita!«
Frau Brita war von Natur zu gutmütig, um wegen einer solchen Kleinigkeit böse zu werden, und ihr Glaube an ihre gemeinsame große Sache so stark, daß sie sich genügen ließ und das Gespräch mit ihrer gewöhnlichen Schlußerwiderung abbrach:
»Ja, siehst du, in dieser Frage werden wir uns nie verstehen.«
Aber der Doktor war mit bloßen Repliken nicht zufrieden, sondern wollte Bescheid haben; deshalb antwortete er:
»Doch, meine Liebe, ich verstehe dich, aber du verstehst nicht, was ich sage, und das ist dein Fehler.«
Das Gespräch würde wieder von vorn begonnen haben, wenn nicht der Pfarrer von Storö, Frau Britas Bruder, den Rauchsalon betreten hätte; ein schwarzer Koloß von beängstigendem Äußern, von einem alten, heruntergekommenen Hunde begleitet.