»Adoption gibt es nicht nach schwedischem Gesetz, und Sie sehen wohl ein, mein Herr, wenn man durch Adoption geadelt werden könnte, dann würde sich jeder reiche Großkaufmann für eine Lappalie von einem armen, heruntergekommenen Edelmann adoptieren lassen. Ja, Sie wissen doch, daß man jetzt Ritterhausbestallungen oder Vollmachten verkauft.«
Gustav Borg befühlte seinen Siegelring und machte noch einen Ausfall:
»Ich kann mir das nicht erklären; mein Vater hat keine Schuld, denn er ist absolut ehrenhaft.«
»Das habe ich nicht in Abrede gestellt, aber die Missetaten der Urväter gehen um; und wenn Sie etwas Köstliches sehen wollen, so müssen wir einen von den ärgsten Rednern des Ritterhauses, der für sein Erb und Eigen ficht, aufschlagen. Sehen Sie, hier steht es: die Familie wurde von dem englischen König Karl I. bei seinem Besuch in Dublin 1652 geadelt. Nun wurde bekanntlich Karl I. im Jahre 1649 enthauptet, so daß man seinen Besuch in Irland 1652 als kopflos bezeichnen muß, als noch kopfloser aber die Erhebung eines aufständischen Irländers in den Adelsstand. Sehen Sie, solche Dinge haben unsern Adel verdächtig gemacht, und alle diese ausländischen Geschlechtstafeln besonders sind sehr anrüchig. Ist Ihnen bekannt, was für Ahnen unser Ritterhausheld hat? Ich will Ihnen ein paar von den zweiundvierzig vorlesen, die hier aufgezählt sind. ›Felimlomkdode; King; Ferghis Avrenoudh (König der Schotten); Eochy; Collumium.‹ Was soll mir Collumium! Entweder hat der Abschreiber einen Bock geschossen, oder einer hat sich den Namen ausgedacht. Sie dürfen darüber nicht traurig sein, Herr Borg, denn es ist jetzt beinahe besser, Anderson zu heißen als Gyllensparre; dann schnüffelt keiner die Taufscheine nach und sucht unter den Betten, wie dieser Anrep tut. Können Sie sich vorstellen: ein Galgenstrick von einem Buchdrucker hat ausgerechnet, daß sechzig Familien im unehelichen Bett gezeugt sind oder vom Junggesellensofa herstammen! Und daß die größten Helden unseres Ritterhauses Ausländer sind; daß im Reformministerium Holländer, Deutsche, alle möglichen Landsleute sitzen; und zieht man die mütterlichen Verwandten in Betracht, so ist auch Afrika und Asien dabei. Curry Treffenberg, der komische Patriot, ist Zigeuner; und der Legationssekretär …sky ist Pole. Demnach brauchen wir nicht traurig zu sein. Ich schreibe also nicht nobilis oder nob. hin, wovon übrigens Thackeray das Wort snob abgeleitet hat!«
Das war eine gewaltige Erschütterung für einen jungen Studenten; er warf den Wappenring in die Ecke, fuhr nach Hause zu seinem Vater und schimpfte auf die, die ihm eine falsche Herkunftsbezeichnung mitgegeben hatten. Der Vater wurde für unschuldig befunden, behielt aber seinen Wappenring. Bei einer im Ritterhaus angestellten Untersuchung wurde er auf das Wappenbuch als sichere Quelle verwiesen; und da fand man, daß das Wappen hundert Jahre lang gestrichen gewesen, dann aber wieder eingeschmuggelt worden war.
»Die haben natürlich gemogelt,« sagte der Beamte, der an solche Manöver gewöhnt war.
Aber Gustav Borg und sein Bruder Henrik gingen mehrere Jahre lang beschämt umher und kamen sich wie Betrüger vor; doch dann rafften sie sich auf und bekamen einen solchen Abscheu vor allem, was falsch war, daß sie sich energisch auf die Seite derer stellten, die ausgangs der sechziger Jahre eine Revision aller alten Pfuscherei in Staat, Kirche und Gesellschaft verlangten.
An der Universität zu Upsala ging es mit Gustav Borg wie mit so vielen andern in jener Zeit. Er fühlte sich in Urzeit und Unfreiheit versunken; eine Atmosphäre, die sich von allem, was er erträumt hatte, wesentlich unterschied, ein Druck von oben, der unerträglich war, weil der Ursprung nicht sichtbar wurde. Die Lehrer, die sein Schicksal und seine Zukunft in der Hand hatten, bestimmten, was er denken und fühlen sollte, unter der Tyrannei der Lehrer aber stand die der Kameraden. Studentenkorps hieß ein Tyrann, Landsmannschaft ein anderer. Diese setzten Proklamationen auf, schickten kriechende Telegramme an Größen, die er nicht schätzte, eher im Gegenteil. Die Landsmannschaft wählte Ehrenmitglieder, denen zu unterstehen er nicht für eine Ehre ansah; aber es geschah im Namen der Landsmannschaft, also auch in seinem, gegen seinen Willen.
An einem 30. November sollte er die Kluft zwischen sich und den andern spüren. Karl XII. sollte gefeiert werden, und er stand im Studentenkorps und hörte die »sittliche Größe« des Vagabundenkönigs preisen.