Es kochte in ihm, und als am Abend die Landsmannschaft einen Kommers veranstaltete, trat er an den Tisch und bat, seine Vorbehalte hinsichtlich der Rede auf Karl XII. vorbringen zu dürfen. Wie er zu Wort kam, begriff er selbst nicht; aber er hatte einen Vollbart und eine gewaltige Gebirglerstimme, die den meist bartlosen Jünglingen imponierte, und er hatte das Gefühl, einem Ruf zu gehorchen, der unwiderstehlich war und deshalb unwiderstehlich wirkte. Er sagte ungefähr das Folgende:
»Eine Nation, die ihre großen Erinnerungen pflegt, handelt sicherlich recht; wehe dem aber, der das Unrechte recht und das Böse gut nennt. Ihr habt heute abend einem bösen Manne geopfert, und das ist eine Schande. Die Toten existieren ja nicht, sind Schatten, und über das Nichtvorhandene sollte man nicht sprechen. Man sagt freilich, daß wir in unsern Taten weiterleben; aber ich wüßte unter Karls XII. Taten keine, die ihm ein Scheinleben in unserer Erinnerung geben könnte. Schwedens Zerstörer haben wir heute abend als einen Nationalheiligen gefeiert; ja, ihr wißt so gut wie ich, daß er alle mannbaren Leute im Reiche zugrunde gerichtet hat; ihr wißt so gut wie ich, daß er durch gewissenlose Aushebung Gewerbe und Handel ruinierte und den schwedischen Boden verwahrlosen ließ. Ihr wißt vielleicht nicht, was verwahrloster Boden bedeutet und was Unland ist! Das heißt Unkraut ernten, wo man Roggen gesät hat! – Aber euer Held – der nicht mein Held ist – war der unsittlichste Mensch, der je gelebt hat, denn wer ohne mit der Wimper zu zucken sein Land und sein Volk dem eigenen Ehrgeiz opfert, der ist der Unsittlichste. Wenn einem wie Karl XII. über seine Irrtümer die Augen geöffnet werden, und man erkennt sie nicht und macht sie nicht gut, so ist man unsittlich.
Die Schweden sind ein Königsvolk, leider! Griechen und Römer waren es auch, solange sie wilde Völker waren. Der Sklavensinn wünscht zu gehorchen, weil das bequemer ist, deshalb sind die Schweden ein sklavisches Volk. Man hat uns Lakaien genannt und mit Recht!«
Hier begann ein Gemurmel im Saal der Landsmannschaft, und das reizte unsern Mann aus den Bergen, so daß er eine Kadenz machte und die Tonart änderte.
»Lakaien, ja, denn für einen Schweden ist es das Ideal, Beamter zu werden und Pension zu bekommen, an einer Ecke mit dabei zu sein und zu herrschen, indem man gehorcht, einem Vorgesetzten gehorcht.«
Da das Gemurmel in Lärm überging, wurde der Redner noch mehr angefeuert, und da ihm zum Bewußtsein kam, in welchem Milieu er sich befand, verfiel er in einen scherzhaften Ernst.
»Damit ihr treue Diener und später Vertrauensmänner des Königs werdet, hat der Staat bekanntlich die Universität errichtet. Ihr wißt ja genau so gut wie ich, daß der Kram, der hier in den vier Fakultäten verhökert wird, nur den einen Zweck hat, uns zu Beamten zu machen, denn ob ich Geistlicher werde, Richter, Lehrer oder Kreisarzt, Beamter bin ich auf jeden Fall. Darüber wäre nun nichts zu sagen, wenn nicht die Quelle der Weisheit so schwer zugänglich wäre. Warum die Weisheit so teuer erkauft werden muß, kann ich nicht verstehen, wenn mir nicht jemand die Erklärung geben wollte, daß Stellungen knapp sind. Ihr wißt ja, wie schwer es ist, eine Stelle zu bekommen; man bewirbt sich nämlich nicht um eine Stelle beim Kammergericht, wie man sich um eine Anstellung in einem Geschäft bewirbt, sondern man wird berufen. Auf diesen Ruf also kommt es an, und der Ruf beruht auf einer Gnadenwahl. Dieser eigentümliche Wahlakt zeigt sich schon beim Examen. Manche guten Köpfe bestehen das Examen nicht, während viele schlechte Köpfe durchkommen. Das ist die Prädestination! Und glaubt mir, alles, was hier in Vorlesungen und Kollegs gelehrt wird, kann man in der Buchhandlung kaufen. Bei einem gut organisierten Buchhandel und angemessenen Examenskommissionen könnte man die Universität schließen, auf der man seine Zeit vertut und seine Nerven durch Trinken ruiniert. Die Universität ist eine Kombination von Kloster, Kneipe und Bordell; die Universität ist eine Schule – eine Schule für Hoffart, Unterdrückung, Faulheit, Neid, Kriecherei. In dieser Zeit, wo die Stände abgeschafft werden, müßte man auch den Gelehrtenstand streichen. Was ist Gelehrsamkeit? Heute bist du im römischen Recht ungelehrt, morgen aber kaufst du dir in der Buchhandlung ein kleines Buch über römisches Recht, und übermorgen weißt du, was römisches Recht ist. Das ist Gelehrsamkeit, auf die wir so stolz sind. Heute wissen wir nicht, daß Karl XII. den Pfarrer Boëthius ins Irrenhaus bringen ließ, weil er darüber gepredigt hatte, wie gefährlich es sei, einen fünfzehnjährigen Lümmel auf dem Thron zu haben, morgen aber kaufen wir uns eine schwedische Geschichte, und dann wissen wir es. (Seht ihr, ich komme doch wieder zum Thema zurück!) Heute wissen wir nicht, daß Karl XII. geistesgestört war, morgen aber machen wir vom Bücherkredit Gebrauch, und dann wissen wir es! Meine Herren, ich bitte, ein Hoch ausbringen zu dürfen auf einen gut organisierten Buchhandel und einen unbeschränkten Kredit, dann brauchen wir Tage wie den heutigen nicht zu erleben, wo man aus Unkenntnis Schwedens Zerstörer, den Brandstifter, den Großinquisitor, den Falschmünzer Karl XII. in der Eigenschaft feiert, die ihm am meisten fehlt: nämlich in seiner sittlichen Grüße.«
Das Resultat war das erwartete. Gustav Borg wurde an der Universität unmöglich. Deshalb besuchte er nie Vorlesungen, sondern verschaffte sich einen Kredit auf Bücher, wählte also seine Lehrer selbst und meistens ausländische, denn schwedische gab es nicht. Jeder Student wußte, daß die Professoren selbst aus dem Auslande schöpften; die größten Lehrbücher waren ja in deutscher Sprache abgefaßt, besonders die medizinischen, theologischen und ästhetischen.
Nach dreijährigen freien Studien sah Gustav Borg seinen jüngeren Bruder Henrik die Akademie beziehen. Zwei Brüder aus dem gleichen Hause, aber so verschiedene hatte man selten gesehen. Der ältere blond mit blondem Vollbart, germanischer Typ, der vom Vater herrührte; der Jüngere, schwarz und mit sechzehn Jahren ein ausgewachsener Mann, ein weißer Afrikaner, leitete seine Abstammung unverkennbar von Seite der Mutter her, deren Vater irgend eine Beziehung zu den Tropen gehabt hatte, nach dem, was die Tradition berichtete.
Diese Brüder hatten nie am gleichen Strang gezogen. Der Jüngere war von dem Älteren unterdrückt worden; die wenigen Jahre, die sie trennten, konnten im Empfinden des Älteren nie ausgelöscht werden. Er hatte sich von Kindheit an daran gewöhnt, auf den Kleinen herabzublicken, alles zu verachten, was er sagte, ihn als Dummkopf zu behandeln und ähnliches; wie es gewöhnlich in Familien der Fall ist. Jetzt auf der Universität zeigte sich der Unterschied noch krasser. Gustav war Schwede und Bergbewohner, einer von den Urschweden, die auf das Vaterländische hielten, freilich mit Vorbehalten, während Henrik, der Exotische, nicht schwedisch zu fühlen vermochte, und dafür konnte er nichts.