Aber es gab andere und tiefere Differenzen. Gustav arbeitete an der Erneuerung des Alten, Henrik aber wirkte für die Zukunft.
»Das heutige Alte ist so morsch, daß man es nirgends anpacken kann. Diese ganze Wirtschaft mit Monarchie und Zubehör ist ja nur eine Gnadenfrist für das ancien régime; es wird von selbst vermodern und Streu bilden, in der das neue wachsen kann; es kann sich nicht erneuern, deshalb lebt es von Korruption: Orden, Akademien, Ämter, Beförderung. Wir, die wir die Erben der Revolution sind, haben an anderes zu denken, und wir betrachten dies nur, wie die Ärzte die Prostitution betrachten: als etwas, was man einstweilen nicht ändern kann, sondern was geduldet werden muß – eine Maison de tolérance, enfin!«
Henrik war gleichsam auf die Welt gekommen mit dieser Vorstellung, daß die Gesellschaft neu geboren werden müsse und daß dies unmerklich unter einer alten Staatsform geschehen könne, die schließlich, untergraben, von selbst in Asche fallen würde.
Die Brüder rieben sich, bis sie die Akademie verließen, der ältere ohne Examen, um Journalist zu werden, der jüngere mit dem Staatsexamen als Arzt.
Gustav Borg gründete eine Zeitung in der Hauptstadt, und sein Bruder Henrik beteiligte sich. Sie hatten ihren Vater beerbt und das Vermögen in einer Druckerei angelegt. Henrik aber vermehrte sein Kapital durch Sparsamkeit und Umsicht, so daß ihm schließlich der größte Teil der Zeitung gehörte. Die Brüder zankten sich, hielten jedoch zusammen. Sie verheirateten sich, bekamen Kinder, neue Zankäpfel. Schließlich wurde die Spannung im Laufe der Jahre so stark, daß ein Bruch kommen mußte. Und jetzt war er gekommen.
Die zoologische Weltanschauung oder die Veterinärphilosophie der achtziger Jahre hatte die Gemüter nicht gerade verfeinert, aber das konnte man auch nicht verlangen; und etwas Verwilderung dann und wann ist nur Ruhe. Die Schlagworte waren: Kampf, Kampf um alles; nimm dir, keiner ladet ein; sei frech, dann kommst du vorwärts! Die Alten, die es anders gelernt hatten, nämlich, daß den Sanftmütigen das Erdreich gehören solle, waren anfangs verzagt; dann amerikanisierten sie sich ebenfalls und nahmen den Kampf auf, so daß die ganze Gesellschaft sich als zwei befestigte Lager darstellte mit der gemeinsamen Losung: alle Mittel sind erlaubt! Alle Hilfstruppen waren gut, und wenn die Männer jetzt kämpften, waren sie unvorsichtig genug, ihre Frauen auch hinten auf den Streitwagen zu setzen; zuerst hinten, dann vorn, denn mit der Tiertheorie kam die abergläubische Furcht vor dem Weibchen, die allen Tieren eigen ist. Was bei den Alten traditionelle Ritterlichkeit war, Ehrfurcht vor Gattin und Mutter, ein freiwilliges Opfer eines christlichen Gemüts, wurde hier menschliches Recht, das heißt theoretischer Unsinn. Feige Männer krochen hinter ihre Frauen, schoben ihre Weiber vor; sie benutzten die Frauen gegenseitig als Stichwaffen und Dynamit; und mancher starke Mann, der selbst unüberwindlich war, wurde gerade in seiner festen Burg, der Familie, in die Luft gesprengt. Der Feind hetzte Frau und Kinder auf, und dann war die Festung verraten. Es war kein reinlicher Kampf, aber er kehrte die alten Begriffe von der Ehe als einer lebenslänglichen Verpflichtung um, er gab Umsatz und Bewegung; eine heilsame Unsicherheit, die den Einzelnen kurz hielt, immer wach, auf seiner Hut; ständige Erneuerung in einem unaufhaltsamen Vorwärts.
Doktor Henrik Borg hatte sich mit einer norwegischen Dame vom Noratyp verheiratet; die falsche Märtyrin, die hysterische Närrin, die nie existiert hatte, bevor sie in einem atrophischen Manneshirn erstand, als es sich mit Frauen und Kindern auf gleichem Niveau zu fühlen begann. Aber sie war auch aus all dem Jux zusammengesetzt, der damals von den norwegischen Volkshochschulen in die Welt geschickt wurde; sie glaubte zum Beispiel einer jungen Nation voll liebenswürdiger Jugendfehler anzugehören. Darunter verstand man die norwegische Nation, die uralt ist, älter als die schwedische, so alt, daß Schwedens Geschichte in den norwegischen Königssagen ihren Anfang nimmt. Sie hatte die Boheme von Kristiania durchgemacht, und das war ihre Sache; in ihrer Torheit aber schwärmte sie zugleich für Svava, das Handschuhweib. Jetzt wollte sie reine Jünglinge haben, und ihr erster Vorwurf gegen den Doktor war, daß er nicht rein sei.