»Ich bin nicht Kinderhasser, weil ich die Unterordnung des Kindes unter die Frau erkenne, und ich bin nicht Frauenhasser, weil mir das rudimentäre Dasein der Frau zum Bewußtsein gekommen ist. Aber ihr könnt nicht beobachten und nicht denken. Ihr seid Afterdenker, denen die Hemmungszentren zwischen Großhirn und Kleinhirn fehlen …«
Doch er hatte das Pulver im eigenen Keller und sollte jetzt in die Luft gesprengt werden; das Attentat war von seinem eigenen Bruder, dem Redakteur, geplant. Da Doktor Borg ein gerechter Mann war, hatte er, wie wir wissen, die Norweger in ihren gerechten Freiheitsbestrebungen verteidigt und war infolgedessen von der Rechten als Norwegerfreund bezeichnet worden; da er aber mit seiner Frau, die Norwegerin war, unglücklich lebte, wurde er gegen seinen Willen von der Linken zum Norwegerhasser gestempelt. Er haßte seine böse, dumme Frau; sie war Norwegerin, ergo war er Norwegerhasser. Diese einfältige Schlußfolgerung leuchtete den weichen Hirnen der Parteimänner ein, und sie genügte, ihn in den Verdacht zu bringen, die »Fahne verlassen zu haben«! Daß er den Weiberwahnsinn nicht mitmachte, reichte aus, ihn zum Konservativen zu stempeln.
»Er ist im Grunde ein konservativer T…el,« war Gustavs Ultimatum.
Aber da dem Bärenpelz nichts anzuhaben war, versuchte er es mit dem Schürzenweg.
Am Tage nach seiner Absetzung machte er nämlich seiner Schwägerin, Frau Dagmar, einen Besuch. Mit einem schönen Namen vereinigte diese eine angeborene Schönheit, die sie nach Kräften verbarg und entstellte. Das herrliche Haar hatte sie abgeschnitten, um nicht daran erinnert zu werden, daß sie Sklavin sei (der Doktor hatte dagegen gelernt, daß langes Haar das Zeichen des freien Mannes war und daß alle Gefangenen geschoren wurden); einen schönen Hals versteckte sie unter Vatermördern, um zu vergessen, daß sie Weib war; ihre kleinen Füße verbarg sie in zu großen Schmierlederschuhen, die sich in Falten legten, so daß sich die Füße wund rieben; alles, was häßlich war, hatte sie für ihre Toilette zusammengesucht, alles, was schlecht aussah, in ihrem Heim gesammelt; die Bosheit grinste von jedem Möbelstück, aus den Farben der Gardinen und den Zieraten. Man sah den Trotz gegen den Mann, dessen Schönheitssinn bekannt war, und man verstand, daß die ganze Dekoration der bestimmten Absicht entsprang, den guten Geschmack des Mannes zu verletzen. Sie wolle ihre Unabhängigkeit zeigen, sagte sie, wenn sie ihre Abhängigkeit von ihrer Bosheit an den Tag legte.
Der Schwager Gustav wurde in einem unaufgeräumten Zimmer empfangen. Er sah sofort an zwei kleinen Gläsern mit Resten, daß Damenbesuch dagewesen war. Da er mit der Rolle und der Situation vollkommen vertraut war, wußte er, daß es hier keinen Sinn hatte, mit Artigkeiten zu beginnen, am wenigsten in Bezug auf Aussehen und Kleidung, weil das eine »Beschimpfung ihres Geschlechts« gewesen wäre.
Die Schwägerin hatte Gustav nie gemocht, aber im selben Augenblick, als er ihres Mannes Feind wurde, liebte sie ihn. Deshalb nahm das Gespräch sofort einen äußerst freundschaftlichen Charakter an.
»Nun, Dagmar,« begann also der Schwager, »dein Mann läßt sich als Reichstagskandidat der liberalen Partei aufstellen.«