»Nicht sonderlich, denn es ist nicht liebenswert, und was deine Zeitung betrifft: ja, findest du selbst, daß Christenmenschen so schreiben? Es sind freilich Männer des Geistes, aber sie schreiben wie Teufel. Lügen, Willkür, Gewalt, Ungerechtigkeit, Haß, falsches Zeugnis, das ist das Programm der Zeitung!«

Jetzt fing der Pastor Feuer, und er erhob sich und begann auf dem Teppich hin und her zu traben, daß der Staub wirbelte:

»Findest du es nicht besser, daß das Volk von den humanen, gebildeten Priestern der Staatskirche geleitet wird als von ungebildeten, fanatischen Laienpredigern?«

Das fand Gustav Borg für gewöhnlich gewiß, aber hier galt es, die Antwort nicht schuldig zu bleiben, und so bekam er im Zorn ganz plötzlich eine andere Meinung:

»Laienprediger? Was bist du anderes? Du, dessen Beruf die Landwirtschaft ist, läßt deinen Dienst von Diakonen und Hilfspredigern versehen. Und was tut dein Diakon? Er ißt, wenn er nicht schläft, und dazwischen trinkt er und spielt Karten. Sechs Tage ausruhen und am siebenten arbeiten. Und dein Hilfsprediger, der Mitarbeiter am ›Vaterland‹ ist und das Eherecht verteidigt, ist dir bekannt, was der da draußen auf seiner Insel treibt? Du weißt, daß er wie ein Türke lebt, daß man ihn splitternackt mit einem nackten Mädchen in einem Boot gesehen hat, und du drückst ein Auge zu, weil du ihn zu deinem Kartenspiel brauchst! Die Gemeinde aber verläßt die Kirche und baut sich Bethäuser, die ihr verfolgt! Ja, das alte Schweden ist im Begriff, eine Pfaffenrepublik zu werden wie Paraguay, und mit der Staatskirche ist es jetzt ebenso faul wie im Jahre 1527. Die geistliche Macht habt ihr verloren, nur die weltliche besitzt ihr noch. Eure Bischöfe essen Visitationsdiners, sitzen in Reichstag und Landtag, in Kommissionen und Akademien – wir hatten kürzlich einen Bischof mit achtzigtausend Kronen jährlich und Afterkrebs (den hatte er sich angefressen); er übersetzte Gedichte und schrieb humoristische Lieder, die Seelsorge überließ er dem Teufel. Ich hatte einen Vetter, den du auch gekannt hast, der war Diakonus in einer Stadt im Norden. Der hat sich zu Tode gefressen; denn bei jeder Amtshandlung, sei es Hochzeit, Kindtaufe oder Begräbnis, mußte er essen und trinken; und an dem letzten Sonntag seines Lebens erledigte er achtzehn Amtsgeschäfte, das heißt, er aß und trank achtzehnmal am Tage; da rührte ihn der Schlag und er starb. Du redest von eurer Humanität. Das ist nur Vorurteilslosigkeit, die sich auf Unglauben gründet! Ihr glaubt nicht an eure Lehren, das verlangt auch niemand, aber dann sollt ihr den Abschied nehmen, sonst seid ihr Heuchler! Doch ihr wollt das Brot und die Macht nicht aus den Händen geben! Geistliche und Offiziere, die zwei sind eins, und ihr stützt den Thron, der nur ein alter Stuhl mit einem Loch darin ist …«

Jetzt waren beide aufgestanden und trabten auf den Teppichen umher wie Leu und Bär. Gustav Borg aber ließ sich das Wort nicht nehmen.

»Für Kühe und Schweine kannst du sorgen, kommt aber ein Mensch in Seelennot zu dir, dann hast du keine Barmherzigkeit, keine Hilfe, keinen Trost; denn du bist hart, geizig, unbarmherzig! Und achtundzwanzigtausend solche Kreaturen wie du und deine Untergebenen muß das Reich ernähren. Sieben Millionen Kronen eßt ihr auf, und die Mittel werden im Guten und im Bösen zusammengebracht, von Bekennern und Nichtbekennern, und in einer Weise, die an Erpressung erinnert. Woran ihr glaubt, das weiß der Teufel, aber ihr wirkt wie Teufelsverehrer, denn euer Organ verherrlicht Karl XII., den Zerstörer Schwedens, der kein Mensch war, sondern ein Teufel. Und als beim letzten Jubelfest zu Ehren dieses Untiers, das jeder, sogar der sittlichen Größe ermangelte, eine Gruppe Studenten opponierte, da wurden sie vor den Rektor zitiert und wären um ein Haar durch Relegation entehrt worden. Verdient ihr Irrenhaus oder Zuchthaus? Und du mit deiner Seelsorge! Man sagt, du schlägst mit dem Rohrstock, wenn du zu Verstand und Herz sprechen müßtest. Und deine Kirche, was tust du darin? Dasselbe, was der Metropolit in der Sakristei tat. Du hast neulich in einem solennen Festrausch damit geprahlt, du gingest nie in die Kirche, du seist seit einem Jahr nicht in der Kirche gewesen! Und du, der du so streng auf den Abendmahlszwang hältst, wann bist du zuletzt zum Abendmahl gegangen? Vor zwanzig Jahren, bei deiner Amtsweihe! Pfui Teufel, sage ich, und jetzt schüttle ich auf deinem Flickenteppich den Staub von meinen Füßen. Es ist schade um dich, denn du hast dir nie überlegt, was du tust und wer du bist! Aber wenn du aufwachst, so geh nicht in deinen alten Bau, dessen Altarschrein du, in Parenthese, vor kurzem an den Antiquitätenhändler verkauft hast, sondern geh ins Bethaus, wenn du kannst. Da triffst du wenigstens Christenmenschen; die den Versuch machen, wenn es ihnen auch nicht gelingt, ihr Inneres zu säubern!«

Der Pastor war kein böser Mann, auch kein Heuchler, aber er hatte, wie alle, sein Leben so gelebt, wie es sich darbot, ohne Überlegungen; hatte die Tage nacheinander hingenommen und nie zurückgeblickt oder dies verworrene Konto von Aus- und Eingängen, Debet und Kredit, das man Leben nennt, aufgestellt.

Als er jetzt dies zu hören bekam und seine Rechnung vor sich sah, konnte er keine einzige Tatsache in Abrede stellen. Er sah sich selbst, seine Fylgia, zum erstenmal, und er meinte sterben zu müssen. Er blieb sprachlos auf dem Sofa sitzen und war schwarz im Gesicht wie ein geschlachteter schwarzer Stier.