Der französische Botschafter: »Wen? Den da! Das ist mein spezieller Freund, der Maler X.«
Der Gesandte: »Teufel auch, aber er sieht entsetzlich aus!«
Der französische Botschafter: »Was tut das, er ist Offizier der Ehrenlegion und wir (wir beide) sind nur Ritter!«
Der Gesandte (mit steigendem Pech): »Aber die Damen sind wirklich etwas merkwürdig. Sehen Sie die an, die wie eine Sängerin aussieht.«
Der französische Botschafter: »Meine Frau ist es allerdings nicht, aber die ist auch Sängerin gewesen.«
Tableau!
In diesen Kreisen bewegte sich Gustav Borg, als sei er hier zu Hause, und jetzt auf dem Tivolifest, wo er seine blendende Rede auf Frankreich hielt, von dem aller Fortschritt ausgehe, vergaß man seine Absetzung; und er stand wieder unverhüllt als ein alter Republikaner da, ein Sohn der Revolution, der jeden Verdacht, konservativ zu sein, von sich abschüttelte.
Die Mischung der Klassen und Ansichten in den neunziger Jahren war so intensiv, daß alle alten Begriffe nicht mehr paßten. Die beiden einfachen Rubriken: konservativ und liberal, dienten nur als Spitznamen, wie früher einmal Hüte und Mützen. Das Leben war reicher geworden, die Anschauungen hatten Nuancen bekommen, das borniert Exklusive war in die Käseblätter des unteren Bürgerstandes verwiesen, die in ihrem einfachen Spektrum nur zwei Farben sahen. So hatte der Cato Censor des Reichstags, der unverwüstliche Wächter der Heiligkeit der Verfassung, zu wiederholten Malen den Spitznamen Konservativer erhalten; zuletzt, als er die Frauenfrage nicht mitmachen konnte, aber das focht ihn nicht an. Während der aufgeblasene, für die Forderungen der Zeit starblinde Bischof in Y. für einen Roten angesehen wurde, weil er einmal aus reinem Versehen für das allgemeine Wahlrecht gesprochen hatte.
Die Regierungsmacht des Landes lag in sovielen Händen, daß man nicht sagen konnte, wer mitregierte. Der Staatsrat tat es nicht; der Reichstag schien Gesetze zu geben, die öffentliche Meinung aber wurde in den Zeitungen, in der Literatur, in den Familien, den Klubs, den Cafés, den Salons, den Werkstätten vorbereitet. Schon die Macht des gesprochenen Wortes ist groß, größer noch die des geschriebenen. Die Macht der Presse, die damals sehr bedeutend war, wurde durch das Entstehen vieler Zeitungen neutralisiert, so daß eine Berühmtheit oder eine Autorität nur in ihrem Kreise galt; in dem der andern war sie nichts. Der Gesellschaftskörper bestand aus vielen exzentrischen Kreisen, die alle ihren Mittelpunkt hatten, aber keinen gemeinsamen. Dadurch konnte keine Kraftquelle so stark werden, daß sie andere niederdrückte, während aber alle einen gelinden Seitendruck verspürten, der das Gewölbe zusammenhielt.
Das Tivolifest fand an einem sonnigen Sommerabend statt. Der Chef des Generalstabs hielt die erste Rede und erinnerte an seine Waffenbrüderschaft mit der französischen Armee, als er im Kriege 1870 bei Vionville und Gravelotte gekämpft hatte. Dann trat Nordenskiöld auf. Der Republikaner, der kürzlich das Revolutionsfest gefeiert hatte, der Reichstagsabgeordnete der Liberalen, der ausgewiesene Finne, der erste Name Schwedens, der volkstümliche, einfache Mann ohne Hochmut und große Gebärden, der aber zu Hause in seinem Schreibsekretär alle Ordenssterne Europas hatte. Das mit den Ordenssternen konnten die Liberalen nicht recht verstehen, aber das war sein Opfer. In einem Lande, wo alles zu königlichem Recht gemacht wird, war er gezwungen, zu wählen! Ohne Orden keine Nordostpassage! Und er nahm beide!