Was sollte man jetzt verkaufen? Was sollte man tun? Sie berieten und kamen zu dem Entschluß, der Mann müsse ausfahren und Geld leihen. Dann sollte die ganze Wirtschaft geändert werden. Ein Jahr lief die Pacht noch, da wollte man den Boden mit Hafer bestellen; der brauchte nicht gedüngt zu werden und wurde sofort an die Pferdebahngesellschaft verkauft; er sog freilich den Boden aus, aber was kümmerte sie das, wenn sie von hier weggingen?
Das ganze Land hatte sich dem Hafer zugewendet, wenn nichts anderes lohnte; daher war der schwedische Boden ausgesogen. Der Roggen, der doch das Getreide des armen Mannes ist, wollte nicht mehr gedeihen, sondern mußte importiert werden; vom Weizen war man über den Roggen zum Pferdekorn herabgesunken; das war der Verfall. Und wenn die Bauern die letzte Haferernte genommen hatten, um ein Billett nach Amerika zu kaufen, konnte man kaum einen Reflektanten für den wertlosen Boden finden. Der Boden, den der Pflug bearbeitet hatte und der gedüngt gewesen war, gab seltsamerweise nur Unkraut; er konnte aus sich selbst keine natürliche Weide werden wie die Wildnis; er war verflucht; er war durch die Bestellung verwöhnt und verlangte Bestellung; er konnte freilich wieder als Kleewiese angelegt werden, aber wenn diese nicht erneuert wurde, gab sie keine Erträge mehr.
Wenn die Pachtzeit zu Ende ging, pflegte man das Inventar zu verauktionieren. Da die Bauern eine absonderliche Vorliebe dafür hatten, auf Auktionen zu kaufen, weil sie alles billiger und besser zu bekommen glaubten, pflegten die fortgehenden Pächter schon vorher alles Brauchbare zu verkaufen und schlechtere neue Sachen anzuschaffen. Das beste Vieh und die guten Pferde wurden unter der Hand verkauft und schlechte dafür wiedererworben. Geräte, Wagen und Schlitten wurden in aller Eile hergestellt und auf die Auktion gebracht. Das war ja nicht unehrlich, aber anständig war es nicht, und das konnte man sich auch nicht leisten.
Als sie mit ihrer Überlegung zu Ende waren, fuhr der Schlitten vor. Der Waldhüter, ein Zigeunertyp, der Liebling des Gutsherrn, weil er rühriger war als die Kätner, stand mit der Eishacke bereit. Seine Aufgabe war nämlich, bei Landzungen und Meerengen, wo man Strömungen befürchtete, vor dem Pferde herzugehen und das Eis zu prüfen.
Als der Herr den Schlitten bestieg, gewahrte er ein Schauspiel, das ihm, trotz des Elends, das darin zum Vorschein kam, ein Lächeln entlockte.
Vier von den größten Hunden hatten die tote Kuh einträchtig auf die gewaltige Pyramide der Eismiete geschleppt; aber als sie diese gemeinsame Arbeit getan hatten, jagte die größte Hofdogge die drei Verbündeten hinunter und lag nun wie eine Sphinx allein dort oben und schmauste. Die Hunde der Nachbarhöfe waren angelockt worden, und die kläffende Schar am Fuß der Eismiete drängte sich bisweilen zusammen und bildete ein Knäuel von Pelzen, Schwänzen und Pfoten. Einige Kätnerfrauen hatten schwache Versuche gemacht, den Raub mit der Dogge zu teilen, hatten sich aber zurückgezogen. Alles war ausgehungert auf dem Hof, Menschen und Vieh. Die Hunde hatten in ihrer Not alles nach Hasen und jungen Vögeln abgejagt und lernten schließlich unten auf dem Eise Fische stehlen, indem sie die Rotaugen vom Angelhaken schnappten. Jetzt aber hatten sie einen Schmaus bekommen.
Die Peitsche knallte, und in sausender Geschwindigkeit fuhr der Schlitten aufs Eis hinunter und auf die Fjorde hinaus, die blank dalagen.
Die Fahrt ging zuerst nach dem andern Ufer hinüber, wo auf einer Landzunge zwei alte Männer sich in einem roten Hause niedergelassen hatten, um das Ende des Lebens zu erwarten. Der eine war ein früherer städtischer Kämmerer und Witwer, der jetzt mit siebzig Jahren von seiner Pension lebte; der andere war ein Achtziger, weiß wie eine Taube, der, seit er Student in Upsala gewesen war, nie etwas getan hatte. Mit zwanzig Jahren hatte er eine Leibrente bekommen und dann nie mehr gearbeitet. Der Fall war ungewöhnlich, aber der Alte hatte für eine einzige Tat, ein einziges Interesse gelebt: er war Juvenal gewesen. Er betrachtete sich jetzt auch nur noch als Gegenstand in einem Museum, der gezeigt werden konnte. Das rote Haus war berühmt wegen seines kostbaren Inhalts, man machte Ausflüge dorthin, um ›einen von den Burschen‹ zu sehen, denn in den hatte die Tradition den Juvenal umgewandelt. Er hatte mit Wennerberg gesungen, er hatte Karl XV. gekannt; er hatte mit Jenny Lind gesprochen, er hatte Gejer gesehen. Aber all das spielte heute keine Rolle, als Anders Borg angefahren kam, um Geld zu leihen.
Die Freude der beiden Alten war groß, als der Schlitten vor dem Hause vorfuhr, denn sie waren vierzehn Tage eingeschneit gewesen, hatten seit acht Tagen keinen Fremden gesehen, keine Zeitungen und keine Post bekommen.
Sie nahmen Anders den Pelz ab und zogen ihn in die Wärme hinein; er bekam einen Glühwein und mußte erzählen, was in den Zeitungen gestanden hatte. Darauf wurde das Kartenspiel hervorgeholt, und man spielte Wira, nur eine Runde.