»Nein, bist du es? Ich wollte gerade ein Schläfchen machen, da hörte ich Hilferufe auf See,« sagte er, indem er sich ermunterte.
»Ja, ich bin in der Klemme, und du mußt mir zehn Kronen leihen.«
»Zehn Kronen? Wo soll ich die hernehmen? Ich wollte gerade eine Diskontanleihe machen, aber das ist mißlungen …«
»Du kannst doch aus der Kasse leihen!«
Hier entstand eine Pause, und Anders Borg begriff, daß er sich abermals hatte verleiten lassen, in die Geheimnisse anderer einzudringen und einem Unglücklichen das demütigende Eingeständnis einer schlechten pekuniären Lage abzuzwingen. Doch er faßte sich schnell und lenkte ab:
»Kannst du nicht einen Bauern anpumpen?«
»Ich, einen Bauern anpumpen? Nein, mein Freund, so ist meine Situation nicht. Siehst du, im ersten Jahr hab ich mich gemein gemacht und habe mit ihnen trinken und essen müssen; aber da ging der Respekt verloren, besonders als ich Geld von ihnen pumpte, um meine Upsalaer Schulden zu bezahlen. Als ich mich zurückzog, begannen sie mich zu hassen. Ich wurde einsam; ich habe niemanden, mit dem ich sprechen kann, habe nichts zu tun. Ich darf nicht fischen, nicht jagen, nicht das Feld bestellen. Lesen kann ich nicht, denn dann schlafe ich ein. Ich bin verurteilt, nichts zu tun, außer Sonntags! Ich verdorre, ich versteinere, während ich schlafe; ich schlafe die ganze Nacht, zwölf Stunden, von acht bis acht, und ich halte Frühstücksschlaf, Mittagsschlaf, schlafe und schlafe. Wenn du wüßtest, was für ein Leben das ist! Das ist Scheintod! Seelsorge wollen sie nicht haben, und alle, die in Not und Elend geraten, gehen zu den Pietisten. Ich wünsche manchmal, ich wäre selbst Pietist, aber dann muß man glauben, und das kann ich nicht! – Anders Borg, um des Himmels willen, hilf mir von hier fort, oder ich sterbe! Ich habe seit acht Tagen nicht gesprochen, und jetzt habe ich zu allem Elend noch einen Prozeß auf dem Halse. Ein Bauer hat Holz aus dem Pfarrwald gestohlen; ich habe es selbst gesehen und es dem Propst angezeigt. Jetzt bin ich wegen Beleidigung verklagt, weil ich nicht beweisen kann, daß ich den Diebstahl gesehen habe. Der Dieb geht frei aus, und ich kann ins Gefängnis kommen, ich, der doch kein Holz gestohlen hat. Die Bauern sagen, ich habe geklatscht, das sagen sie von dem Amtmann auch, wenn er sie anzeigt, und kürzlich wollte ein Spitzbube den Richter selbst wegen Beleidigung verklagen, weil dieser auf die Anzeige eines Polizeidieners, die voller Beweis ist, sein Urteil gefällt hatte. Was soll ich anfangen? Wenn ich verabschiedet werde, bekomme ich keine Anstellung als emeritierter Geistlicher.«
Er würde nie zu reden aufgehört haben, wenn er nicht in Tränen ausgebrochen wäre. Und Anders Borg vergaß seine Sorgen vor diesem bodenlosen Elend. Da er aber nicht wußte, was er sagen sollte, fuhr der Vikar fort, überglücklich, seine eigene Stimme hören und sich beklagen zu können:
»Was wollen sie mit Pastoren? Können sie es nicht machen wie die Juden und einen von den Ältesten der Gemeinde am Sonntag aus der Postille vorlesen lassen – ich schreibe ja aus den Postillen ab, wie alle Pastoren. Können nicht verständige, redliche Männer die Grabrede halten und taufen? – die Baptisten taufen doch, und die Pietisten teilen das Abendmahl aus, während sie wie die Apostel ihrem Beruf nachgehen. Weißt du, die Religion als Beruf und Broterwerb ist verkehrt. Und auf der Universität liegen und saufen, Spitzfindigkeiten und theologische Haarspaltereien lernen, das vertreibt alle Religiosität! Jetzt sollen die Geistlichen auch in der Kaserne exerzieren, sollen gezwungen werden, unanständige Lieder zu singen, sollen nächtliche Gespräche zwischen Soldaten mitanhören; das bedeutet mit der ganzen Kirche als Broterwerb Schluß machen!«