Jetzt erst bemerkte Esther, daß der junge Graf im Frack war. Das sah er und fuhr fort:
»Sie sehen meinen Frack an! Ja, ich war bei Professor X. zum Abendessen.«
»Nun?«
»Es ist schauderhaft, aber vielleicht nützlich. Die Jungen üben sich im Schweigen und die Älteren im Verschweigen; alle gehen wie mit Halftern umher, um nicht zu beißen; und heute abend war die Gesellschaft so, daß keiner ein vernünftiges Wort zu äußern wagte; alle schwiegen. Das nennt man Meinungen austauschen. Wissen Sie, nach einer solchen Maskerade sehnt man sich förmlich danach, hierherzugehen. Sonst pflegen alle Gäste ins Café zu eilen, um dort aussprechen zu können, was in der Gesellschaft nicht gesagt wurde.«
»Finden Sie es amüsant zu leben?« fragte Esther ganz schnell.
»Zu leben? Ist das: leben? Hier ist doch nur die Rede von töten, alle gesunden, starken Triebe zu töten, die das Leben erhalten sollten; und tötet man sie nicht durch Entsagung, sondern macht ihnen Luft, so stirbt man im Krankenhause oder verendet später im heiligen Ehestande am kalten Brand. Die Sache mit der Lebensfreude in den achtziger Jahren war ein furchtbarer Schwindel; die Propheten nahmen ein trauriges Ende, und alles ging wieder in die alten Gleise zurück. Wissen Sie, daß ich einen Freund habe, der im Krankenhause liegt und ganz sacht und allmählich stirbt?«
»Ich kenne ihn; Sie meinen den Dichter?«
»Ja, wollen wir hingehen, im Mondschein? Er nimmt die Sache ganz ruhig.«
»Gern,« antwortete Esther, und sie brachen auf.
Die Herbstnacht war mondhell und lau; sie gingen stille kleine Gassen, breite, grüne Straßen und kamen in den Park des Krankenhauses. Unter den riesigen Bäumen waren Zelte aufgeschlagen für die Kranken, die dort schliefen oder wachten, je nachdem. Unter einem Ahorn aber saß der Unterarzt mit einem Kandidaten und trank Whisky. Esther und der Graf, die beide kannten, traten heran und fragten nach dem Dichter.