»Ja,« antwortete der Unterarzt, »er liegt hier ganz in der Nähe und ist wach; aber er macht es wohl nicht mehr lange, da er zu Professor X. geschickt hat.«
»Was? Zu dem Theologen?« fragte Esther erstaunt.
»Ja, der Alte und Axel verkehrten ja in aller Freundlichkeit, um sich zu streiten, in aller Freundlichkeit, und der Dichter hat uns gebeten, ihrer letzten Schlacht beizuwohnen, um falsche Berichte über deren Verlauf unmöglich zu machen.«
»Können wir denn inzwischen zu ihm gehen?«
»Bitte; er liegt und liest Andersens Märchen.«
Esther und der Graf gingen ins nächste Zelt; da lag Axel E. und las beim Schein einer Laterne.
Es war eine kleine, abgezehrte Gestalt mit schwarzem Vollbart, von exotischem, französischem oder italienischem, Aussehen; seine Augen waren groß, glänzend, und er forschte eine Weile, bis er die Eintretenden erkannte, denn seine Augen begannen zu versagen wie sein Gehör. Dann lächelte er, reichte jedem eine Hand und bat sie mit flüsternder Stimme, Platz zu nehmen. Er wußte wohl, daß er sterben würde, aber er verschwieg es sich selbst und wollte nicht, daß ein anderer es sagte. Bisweilen aber fuhr der Hochmut in ihn, und dann pflegte er mit seiner Furchtlosigkeit zu prahlen.
»Ja, Kinder,« flüsterte er, »jetzt erlösche ich; das Auge verliert sein Licht, das Ohr sein Gehör und die Stimme ihren Klang.«
Jetzt hustete er, unheimlich, denn er hatte Kehlkopfschwindsucht.
»Aber seht ihr, noch ist keine Gefahr, denn der Puls geht in den Nächten auf achtunddreißig Grad herunter; und die Nächte sind das schlimmste. Freilich wäre es schade, wenn ich jetzt wegmüßte, wo ich von Tabak, Alkohol und all dem andern gereinigt bin. Ich fühle mich wie innerlich gewaschen. Ja, es ist häßlich zu leben. Hört einmal, dieser Ephraim ist ein komischer Kerl. Er hat mir aus Norrbotten einen Brief geschrieben und fängt so an: Wenn dieser Brief dich noch am Leben trifft. – So schreibt man nicht an einen kranken Menschen. Ja, das Leben! Wißt ihr, was das schlimmste ist, was ich erlebt habe? Setzt euch, dann sollt ihr es hören! … Esther, du besinnst dich auf das Mädchen mit dem roten Haar, nicht wahr! mit dem ich mich verheiraten wollte. Ja, wir reisten nach Petersburg, und nach dem ersten Glück kam die Langeweile. Wißt ihr, was Langeweile zu Zweien ist? Allein kann sie schlimm sein, ist aber ganz erbaulich; zu zweien jedoch ist sie grauenvoll; ist sie der Tod; man ist aneinander gebunden, aber man haßt sich, grenzenlos, weil man einander bindet. Nun, sie hatte in aller Heimlichkeit Papiere beschafft, die auch mich durch die Trauung binden sollten. Als ich entdeckte, wer sie war, machte ich meine Armut gegen die Eheschließung geltend, doch da antwortete sie: ich habe Geld. Wir bewohnten in einem einfachen Hotel ein Zimmer. Aber eines Tages – sie war halbe Tage fort – führte sie mich in ein Restaurant, das erste in Petersburg. Dort stellte sie mich einem Freunde vor, der uns zu einem Hundertfrankendiner einlud. Ich brauchte ja nur die Augen aufzumachen, um zu begreifen; und als sie beim Champagner einen Blick wechselten, faßte ich einen Entschluß. Also gut, nachdem wir in der Nacht nach Hause gekommen waren, stellte ich mich schlafend. Als ich merkte, daß sie schlief, stand ich auf, nahm ihr Portemonnaie, denn mein Geld war zu Ende, ergriff meine Kleider und Schuhe und schlich auf den Flur hinaus; und im eiskalten Winter kleidete ich mich auf dem steinernen Hausflur an. Daran lief ich zum Bahnhof. Doch es fuhr erst sechs Stunden später ein Zug ab. Kinder! Ich lief sechs Stunden auf dem Bahnhof umher! Und in der Angst, als Dieb festgenommen zu werden! – Aber es gelang mir zu fliehen! – – Als Dieb! Was sagt ihr dazu? – Und wie würdet ihr gehandelt haben?«