»Ich war zwölf Jahre alt, als meine Mannbarkeit sich zeigte. Aus reinem Unverstand, im Spiel, wurde ich von einem älteren Kameraden verlockt, den ich später als den Verführer meiner Jugend verflucht habe, viel später, als ich ihn wiedersah und er seinen Verführer namhaft machte. Ich wurde von einem Buch eingeschüchtert, das mich fast ins Irrenhaus gebracht hätte, weil es mir Furcht vor den ewigen Strafen einflößte. Ich wurde Pietist und glaubte, jetzt würde ich Frieden finden; aber den Gemütszustand, den die Religion mit sich bringt, möchte ich Unseligkeit nennen; alles wurde schwarz um mich her, Welt und Menschen, und das schlimmste waren die Askese und die Quälerei. – Ich lag auf dem bloßen Bettboden, die Gurten schnitten in meinen Körper, und ich fror unter dem dünnen Laken; ich sprach mein Abendgebet auf den Fliesen vor dem Kachelofen; ich hungerte; ich demütigte mich vor den Menschen, so daß ich in den Rinnstein hinunterging und jedem auswich, weil ich mich für schlechter hielt als alle andern und nicht würdig, auf dem Trottoir zu gehen. Als ich mich nun selbst überwunden hatte, wurde ich im Schlaf von Träumen überfallen; und das neue Unerklärliche erschreckte mich so, daß ich nicht zu schlafen wagte; der heilige Schlaf war mir zum Fluch geworden; aber meine Seele war rein, denn ich dichtete nur Schönes, das wißt ihr alle, die ihr meine Jugendgedichte gelesen habt. Als ich nun sah, daß der gute Wille, daß alle Anstrengungen vergeblich seien, als ich dachte, mein Leben werde entschwinden, als ich erkannte, daß meine Gebete zu Gott nur mit Hohn beantwortet wurden, da glaubte ich in der Hölle zu sein, glaubte, Gott habe mir den Rücken gekehrt. Da las ich Stagnelius und erhielt von ihm eine Art Erklärung des Elends. Die Seele sei in das Gefängnis des Körpers eingesperrt und könne sich nur dadurch frei erhalten, daß sie dann und wann dem Tiere in Form eines Opfers ein Stück Fleisch hinschleudere. Ich tat das – und immer, wenn ich es getan habe, hat meine Seele den Anker gelichtet, und ich bin über den Sumpf weggeflogen. Sobald ich aber wieder in Askese verfiel, beschäftigten sich meine Gedanken nur mit sensuellen Dingen, so wie der Hungrige stets an Essen denkt. Dann bekam ich diese Krankheit! – Da fragt man sich, warum nicht alle sie bekommen, und warum nicht zuerst die davon ergriffen werden, die Unzucht als einen Sport betreiben, was ich nicht getan habe. Antwortet darauf! Die Ärzte sagen, einige Individuen seien immun, weil ihre Eltern verseucht gewesen sind …«
Jetzt erhob sich der Alte zornig und warf das Druidenhaupt herum:
»Hast du mich rufen lassen, damit ich hier sitzen soll und so eine Schweinerei anhöre?«
»Ja, Alter, du sollst mich anhören,« schrie der kleine Mann im Bett und faßte dem andern in das weiße Barthaar, als wolle er einen falschen Bart herunterreißen. »Du sollst mich anhören, du sollst wissen, bevor du richtest. Du sollst wissen, daß meine Gefühle drauf und dran waren, auf Abwege zu geraten, als ich mich durch Enthaltsamkeit von dem Höllenbrand zu befreien suchte; du sollst wissen, daß mir von dem Hausarzt meines Vaters befohlen wurde, Weiber aufzusuchen und daß es mit Willen und Wissen meines Vaters geschah.«
»Das lügst du,« antwortete der Menschenopferer.
»O schäme dich! Schäme dich! Du Alter, der du im Ehebett mit einer Frau geschlafen hast, die du liebst, ein Glück, das einem jungen Manne nie beschert wird, weil er kein Brot hat: du solltest bedauern, du solltest trösten, aber du hast nur Steine und Schlangen, wo du Brot und Fisch geben solltest.«
Der Alte griff nach dem Buch auf dem Nachttisch, und als er Andersens Märchen sah, legte er es mit einer nachsichtigen Miene der Enttäuschung zurück.
»Ja, wettere über die Märchen, aber lies das von den bösen Träumen des Priesters, wenn er über die ewigen Strafen gepredigt hat. Kennst du das?«
»Hier ist meine Rolle ausgespielt,« verhaspelte sich der Druide.
»Du sagst es selbst: deine Rolle,« fuhr der Sterbende fort. »Besinne dich auf die Regungen der Weltlust in dir selbst, der du der Jugend predigst, denke an die ganze ›Freiheit des inneren Sinns von den Verlockungen dieser Welt‹, wenn die Welt dich das nächste Mal verlocken will, du Hofprediger! ›Wehe dem, der in diesem Kampf unterliegt und die Waffen streckt,‹ Principiis obsta! Du kennst die Versuchungen der Jugend, Alter, aber du kennst nicht die des Alters, wenn weltliche Ehre und Auszeichnung dich zum Abfall locken; dein Tag wird kommen, da du deinen Heiland dreimal verleugnen wirst, Petrus, da du dich verleiten läßt, den Antichrist zu rühmen, der mit seinen Schleichlehren die Sünde entschuldigt, da Gott dich mit Blindheit schlägt, so daß du dich bemühen wirst, den Thron dessen einzunehmen, der unsern Heiland in die Ferse gestochen hat! Gib acht, wenn dieser Tag kommt, und denke dann an mich, der nicht mehr ist …«