Hier erlosch die Stimme des Kranken, und er sank zum Schlummer auf das Kissen zurück.

Der Hofprediger – denn in diese Haut war er jetzt geschlüpft, und er hatte viele zur Verfügung – wurde groß, bei dem Gedanken, vor der studierenden Jugend, die die erhaltene Lektion angehört hatte, seine Würde wahren zu müssen; und als wolle er den Fall dem zuständigen Arzt überlassen, grüßte er zum Abschied mit der Hand und warf eine Phrase hin:

»Sie sorgen wohl dafür, daß er schlafen kann, Herr Doktor.«

Jetzt entwickelte sich der Wolkengreis an der Zeltdecke und wurde erschreckend groß, der Kopf eines Riesen, des Urmenschen, der nach Kirchen mit Steinen warf, Glocken nicht vertragen konnte und vor dem Geruch von Christenblut schauderte. Dann schrumpfte der Riese zusammen und kroch durch die Zeltöffnung hinaus.

Der Nachtwind von der Ebene schüttelte die großen Ahorne, die wie ein Bach zwischen Kieseln rauschten und rieselten; die Zeltleinwand wellte, und die vier Eckpfosten der Laterne warfen ihr Schattenbild wie einen Käfig, in dem der Kranke lag mit dem weißen Gesicht, das den unendlichen Schmerz eines Menschen ausdrückte, der unverdient zu leiden glaubt.

»Er schläft ohne Morphium,« sagte der Unterarzt, nachdem er den Puls gefühlt hatte.

Die drei jungen Menschen gingen hinaus und setzten sich unter den Ahorn an den Whiskytisch. Der Mond hatte sich gesenkt und leuchtete weiß auf die Zelte; ein Zeltlager, das für Verwundete und Sterbende aufgeschlagen war.

»Ja, Kinder,« begann der Unterarzt, »werdet ihr klug aus dem Professor? Ich als Theosoph und Martinist neige zu der Annahme, daß irgend eine fremde Seele sich früh als Pfropfreis an diesem wilden Stamm festgesetzt hat und parasitisch auf ihm weiter lebt. Dieser Großinquisitor ist im Grunde ein anderer, als er scheint; wenn ich ihn rasieren und scheren könnte, würdet ihr wahrscheinlich einen Typ aus Lombrosos Album vor euch haben: ich meine, er ist ein böser Mensch, der zum Bewußtsein seiner Bosheit gekommen ist und deshalb diesen Pfahl im Fleisch hat, den man Religion nennt; oder er hat sich selbst die Kandare angelegt, um nicht zu beißen. Habt ihr nicht bemerkt, daß gute Menschen nie Pietisten sind? Und daß Pietisten auf uns gewöhnliche Sünder immer einen boshaften Eindruck machen? Ich war Pietist, als ich jung war, und ich nahm die Religion hin wie bissige Hunde das Nagelhalsband. Ohne die strenge Religion meiner Jugend wäre ich ein Unmensch gewesen, denn ich war von Natur nicht gut. Pietismus ist ein Gemütszustand, der sich einstellt oder ausbleibt; es ist also idiotisch, einen Menschen wegen seiner Gemütsverfassung zu hassen oder ihm einen Vorwurf daraus zu machen; Pietismus ist ein Pönitenzzustand, ein Streben nach der Erziehung zum Übermenschen; es mißlingt freilich oft, deshalb erscheinen die Pietisten als Heuchler, sind es aber nicht; ein religiöser Mensch ist immer ein wenig schlechter als andere, weil er die Geißel braucht, und ein wenig besser als andere, weil er sie anwendet. Denkt euch einen Oftedal ohne Religion! Das wäre wahrscheinlich ein Caligula gewesen; jetzt wurde er nur ein kleiner Ludwig XV.; das ist immerhin ein Gewinn. Was Axels Bekenntnis betrifft, so weiß ich, daß es wahr ist; und es war schrecklich, mit anzuhören, daß der Alte ihn zum Lügner machte; aber er versteht es am Ende nicht besser, denn er hat das Leben wohl nie gelebt. Und das ist die große Frage, seht ihr, ob man durch den Sumpf hindurch oder um ihn herumgehen soll. Ich weiß es nicht; manche tauchen einmal unter und schwimmen weiter; andere bleiben auf dem Grunde. Das scheint jedem einzelnen vorausbestimmt zu sein, und der Gnostizismus, den Axel von Stagnelius bekam, scheint ihm das Bedürfnis eingegeben zu haben, die materielle Basis zu vernichten, um das Geistige zu befreien. Wenn die Religion im Großen genommen Anknüpfung an das Oben ist, so war Axel religiös, denn er befand sich ständig auf dem Fluge, suchte stets hinter dem Phänomen, faßte das Leben auf als etwas Provisorisches, Vorübergehendes, ein Gastspiel auf der Durchreise, litt unter dem Dasein und sehnte sich heim. Er war kein böser Mensch, eher das Gegenteil …«

Hier wurde der Sprecher von Esther unterbrochen, die erregt war:

»Warum sagst du, er war?«