Sie mußte an dem Kurhaus vorbei, und da ertönte noch die Musik; die erblassenden Lichter leuchteten durch die Fenster. Sie wollte fliehen, wurde aber dahin gezogen, als triebe sie die Strömung. Da holte sie mit den Rudern aus und wendete, direkt auf die hinterste Landzunge zu, so daß sie das Land im Rücken hatte, und dann steuerte sie hinaus.
Doch die Klaviermusik folgte ihr mit dem schwachen Landwind. Und sie wurde gezwungen, die Ruder im Takt des Walzers zu bewegen, eins, zwei, drei, und das war, als würde sie von drinnen kommandiert, von da hinten, wo die beiden Körper sich im gleichen Rhythmus bewegten. Da wendete sie wieder; aber sie kam nicht los davon, kam nicht aus diesem Zauberkreis heraus. Plötzlich verstummte der Walzer und es entstand eine Stille, die nur von Möwen und Wellengeplätscher gestört wurde. Dann begann die Stille vernehmlich zu werden, und in ihrer Erinnerung hörte sie das Nocturno, vernahm es vielmehr, wie man innerlich sich an, Musik erinnern kann. Doch, dies waren ja wirkliche Töne, G-dur, wie moll klingend; es war sein Anschlag, seine Art zu spielen! Welch ein Verrat! Er spielte ihren Chopin der andern vor, zog sie unter diese Decke, unter der sie beide sich einmal verborgen hatten.
Jetzt floh sie im Ernst aufs Meer hinaus und versuchte durch das Geräusch der Ruder die Musik zu übertönen; das Rauschen des Wassers am Kiel half mit, und sie war schließlich außer Hörweite, als sie an einer kleinen Schäre mit einer Kiefer vorbeifuhr. Da aber, als sie das Tempo verlangsamte und die Ruder einzog, hörte sie ein leises Knarren von Riemen in den Dollen von der andern Seite der Schäre. Im nächsten Augenblick schoß der scharfe Kiel eines weißen Kahnes über den niedrigen Felsen, ein Kopf wurde sichtbar und der an den Rudern sitzende Graf tauchte auf.
»Bist du es, Esther?« fragte er ganz ruhig.
Das Mädchen antwortete ohne ein Zeichen des Erstaunens.
»Ja, und bist du hier?«
Was sie hinter sich zu haben geglaubt hatte, war vor ihr; der Stromwechsel vollzog sich so plötzlich, daß sie sofort normal funktionierte.
»Das war ja eine schreckliche Sitzung!« fuhr der Graf fort.
Jetzt erst kam Esther in die qualvolle Stimmung zurück, die sie hinter sich hatte:
»Ich dachte, du seist noch da und tanztest mit der Schönen!«