Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den unglücklichen Liebhaber nieder, ehe er die Trosse losbekam.
Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr fortreist, lief Carlsson am Strande entlang, sprang auf Steine, strauchelte über Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengruß abzugeben. Aber er mußte mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schuß. Er warf die Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am Strande entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und schnaubte.
Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand erhob sich, nicht ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden!
Aber unermüdlich, rasend lief er über Granitfindlinge, sprang ins Wasser, stürzte gegen Erlenbüsche, kam an einen Feldzaun und fuhr halb durch ihn hindurch, daß er sich an den Pfählen riß. Schließlich, gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stieß er auf eine Schilfbucht; ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser, schwang noch ein Mal sein Taschentuch und stieß ein letztes verzweifelndes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch ein Mal zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden, nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die Luft dunkel.
Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt zu seiner Flinte zurück. Er blickte sie mit bösen Blicken an, als sehe er eine andere, die ihn im Stich gelassen; er schüttelte die Pfanne, setzte ein neues Zündhütchen auf und feuerte ab.
Darauf kam er an die Landungsbrücke zurück. Er sah den ganzen Auftritt noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst auf den Brückenplanken umher tanzte; hörte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas verlegene Blicke und kalten Handschlag; spürte noch den Dunst von Steinkohlenrauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Küchenherd und von der Ölfarbe der Schiffsbekleidung.
Der Dampfer war hierher in sein künftiges Reich gekommen und hatte Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten; die ihn in einem Augenblick von seiner Leiter herabstürzten, auf deren Sprossen er schon ein gutes Stück hinauf geklettert war; die ihm – er schluckte in der Halsgrube – sein Sommerglück und seine Sommerfreude entführten.
Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln zu einer einzigen Brühe aufgerührt hatten, auf deren Oberfläche Ruß in Flocken und Öl in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie eine alte Fensterscheibe. Allen möglichen Schmutz hatte das Untier in der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grüne Wasser verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel, abgebrannte Streichhölzchen, Papierfetzen, mit denen Ukeleis spielten. Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und habe auf ein Mal Unrat und Schelte ausgeworfen.
Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er daran dachte: wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, müsse er in die Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mädchen mit Krause, Manschetten und Knöpfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber er haßte die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen
Arbeiten nicht leisten konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen vermochten. Und doch mußte er daran denken, denn Ida hatte gesagt, einen Bauernknecht werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht werden!