Julie. Was thut es?
Jean. Was es thut? Es ist gemein, sich zu betrinken. Was wollen Sie mir also sagen?
Julie. Wir werden fliehen! Aber erst wollen wir reden; daß heißt, ich werde reden, denn bisher haben Sie nur allein gesprochen. Sie haben Ihr Leben erzählt, nun will ich das meinige erzählen, dann kennen wir einander gründlich, bevor wir die gemeinschaftliche Wanderung antreten.
Jean. Einen Augenblick! Verzeihen Sie! Denken Sie nach, ob Sie es nicht hernach bereuen werden, wenn Sie mir die Geheimnisse Ihres Lebens preisgegeben haben!
Julie. Sind Sie nicht mein Freund?
Jean. Ja, bisweilen! Aber trauen Sie mir nicht!
Julie. Das sagen Sie nur so. Und übrigens: meine Geheimnisse kennt jedermann. Sehen Sie, meine Mutter war nicht von adliger, sondern von ganz einfacher Herkunft. Sie war in den Lehren ihrer Zeit von Gleichheit und Freiheit des Weibes und all' dem erzogen; und sie hatte eine entschiedene Abneigung gegen die Ehe. Als daher mein Vater um sie freite, antwortete sie, sie würde niemals seine Gattin werden wollen, aber — dann wurde sie es doch. Ich kam zur Welt — gegen den Wunsch meiner Mutter, soweit ich verstehen konnte. Nun sollte ich von meiner Mutter zu einem Naturkind erzogen werden und zudem sollte ich alles lernen dürfen, was ein Junge zu lernen bekommt, damit ich ein Beispiel liefern könnte dafür, daß das Weib ebenso gut wäre, wie der Mann. Ich durfte in Jungenkleidern gehen, lernte Pferde warten; durfte aber nicht in die Meierei gehen; ich mußte Pferde striegeln und anschirren und auf die Jagd gehen, ja ab und zu durfte ich sogar versuchen, Feldarbeit zu erlernen. Und auf dem Hofe wurde den Männern Weiberarbeit, und den Weibern Männerarbeit übertragen — mit dem Erfolg, daß das Besitztum anfing herunterzukommen, und wir zum Gelächter der ganzen Gegend wurden. Schließlich muß mein Vater aus seiner Verzauberung erwacht sein und revoltiert haben, denn es wurde alles nach seinen Wünschen umgeändert. Meine Mutter wurde krank — was für eine Krankheit weiß ich nicht — aber sie litt oft an Krämpfen, versteckte sich auf dem Boden und im Garten und blieb die ganze Nacht im Freien. Dann kam die große Feuersbrunst, von der Sie wohl reden gehört haben. Haus, Wirtschaftsgebäude und Ställe brannten ab und zwar unter Umständen, die eine Brandstiftung vermuten ließen, denn das Unglück geschah am Tage nach dem Ablauf des Versicherungsquartals, und die Prämie, die mein Vater einsandte, wurde durch die Nachlässigkeit des Boten aufgehalten, sodaß sie nicht zur Zeit hingelangte. Sie füllt das Glas und trinkt.
Jean. Trinken Sie nicht mehr!
Julie. Ach, was macht das! Wir waren obdachlos und mußten im Wagen schlafen. Mein Vater wußte nicht, wo er zum Wiederaufbau des Hauses Geld hernehmen sollte. Da giebt Mutter ihm den Rat, einen ihrer Jugendfreunde, einen Ziegelfabrikanten hier in der Nähe, um ein Darlehn anzugehen. Vater erhielt das Darlehn, sollte aber keine Zinsen bezahlen, was ihn in Erstaunen versetzte. Und dann wurde der Hof aufgebaut! Sie trinkt wieder. Wissen Sie, wer den Hof angesteckt hatte?
Jean. Ihre Frau Mutter.