– Das habe ich schon die ganze Zeit gefunden, bekennt die Frau.

– Ich finde auch, es klingt so altmodisch. Dass Gounod so schnell veraltet ist, bemerkt er ganz kleinlaut. Willst du weiter spielen? Lass uns die Cavatina und das Terzett durchnehmen; ich erinnere mich besonders an die Sängerin, die war göttlich.

Nach diesem Stück sieht der Mann wirklich betrübt aus und legt das Heft fort, als wolle er die Tür hinter der Vergangenheit schliessen.

– Wollen wir nicht ein Glas Bier trinken? fragt er.

Sie setzen sich an den Tisch und trinken ein Glas Bier.

– Es ist doch merkwürdig, beginnt der Mann, ich hätte nicht geglaubt, dass wir so alt geworden sind, denn wir sind wirklich mit „Romeo und Julia“ um die Wette gealtert. Es sind zwanzig Jahre her, seit ich die Oper zum ersten Mal hörte. Ich war eben Student geworden, hatte Freunde und die Zukunft lächelte mir hell und froh entgegen. Seit kurzer Zeit machte ich mit einem keimenden Schnurrbart und der Studentenmütze Staat, und besonders der Abend ist mir in Erinnerung, an dem Fritz, Philipp und ich in die Oper gingen. Einige Jahre früher hatten wir die Bekanntschaft des „Faust“ gemacht, waren also grosse Bewunderer Gounods. Doch „Romeo“ übertraf noch unsere Erwartungen, und wir wurden von der Musik ganz hingerissen. Jetzt sind meine beiden Freunde tot. Fritz, der zu den höchsten Stellen hinaufstrebte, starb als Sekretär; Philipp als Kandidat der Medizin; und ich, der Minister werden wollte, musste mich schliesslich damit begnügen, Regimentsauditor zu sein. Wie die Jahre verschwunden sind, ohne dass wir es gemerkt haben! Zwar habe ich gesehen, dass die Runzeln um meine Augen deutlicher geworden sind, und dass das Haar an den Schläfen ergraut ist, doch dass wir bereits so weit auf dem Weg zum Kirchhof gekommen sind, das hätte ich nicht geglaubt.

– Ja, mein Freund, wir sind alt geworden; das kannst du an unseren Kindern sehen. Und auch an mir siehst dus, wenn du auch davon schweigst.

– Ach wie kannst du so etwas sagen!

– Das weiss ich sehr wohl, mein Lieber, fuhr die Frau in wehmütigem Ton fort; ich weiss wohl, dass ich anfange hässlich zu werden, dass mein Haar dünner wird und dass ich bald meine Vorderzähne ziehen lassen muss ...

– Aber bedenke doch, dass jetzt nichts mehr dauert, – unterbricht sie der Mann. Es scheint heutzutage mit dem Altwerden viel geschwinder zu gehen als früher. Im Haus meines Vaters wurden noch Haydn und Mozart gespielt, obgleich sie tot waren, lange ehe er geboren wurde. Und jetzt – jetzt ist Gounod bereits alt! Es ist betrübend, seinem Jugendideal auf die Weise wieder zu begegnen! Und wie schauerlich ist es, zu fühlen, dass man alt geworden ist!