Er steht auf und setzt sich wieder ans Pianino; er nimmt das Notenheft und blättert darin, wie wenn er in einer Schreibtischlade nach Jugenderinnerungen, Haarlocken, getrockneten Blumen und Bandenden, suche. Seine Augen starren auf die schwarzen Noten, die wie kleine Vögel aussehen, die an einem Stahldrahtgitter auf und nieder klettern; er versucht, in ihnen auf Frühlingstöne, Liebeslockungen, jubelnde Triller aus den rosenroten Tagen der ersten Liebe zu lauschen. Doch alles blickt ihm so fremd entgegen, als sei die Erinnerung an die Blütezeit der Jugend mit Unkraut überwachsen. Ja, so ist es; die Saiten sind mit Staub bedeckt, der Resonanzboden ist eingetrocknet, der Filz abgenützt.
Ein Seufzer hallt durchs Zimmer, schwer wie aus einer hohlen Brust, und dann wird es ganz still.
Plötzlich hört man den Mann sagen:
– Aber sonderbar ist es doch, dass der herrliche Prolog in diesem Klavierauszug fehlt. Es war, wie ich mich bestimmt erinnere, ein Prolog mit Harfenbegleitung und ein Chor, der so lautete.
Er trällert leise die Melodie, die wie ein Bach aus einer Bergeskluft hervorsprudelt; der eine Ton gibt den andern, sein Gesicht klärt sich auf, der Mund lächelt, die Runzeln glätten sich und die Hände fallen auf die Tasten nieder, die kräftig, jugendlich und schmeichelnd die herrlichen Töne wiedergeben, und mit starker klangvoller Stimme singt er die Basspartie.
Seine Gattin ist aus ihren schwermütigen Gedanken erwacht, sie lauscht mit tränendem Auge und fragt verwundert:
– Was ist das?
– Romeo und Julia! Unser Romeo und unsere Julia!
Und er springt vom Stuhl auf und legt das Notenheft vor die erstaunte junge Frau.
– Siehst du! Dies war der Romeo unserer Oheime und Tanten, das war – lies nur – Bellini! Oh! Wir sind also noch nicht alt!