Er war sehr häuslich, vielleicht zu sehr, und hatte in der Familie seine kleine Welt gefunden, deren Mittelpunkt er war; die Kinder waren die Radien. Die Frau suchte auch Mittelpunkt zu sein, aber niemals in der Mitte des Kreises, denn dort sass der Mann, und darum fielen die Radien bald auf einander bald aus einander, und darum stimmte das Ganze nicht.
Im zehnten Jahr wurde der Mann zum Sekretär der Gefängnisinspektion ernannt und musste als solcher Reisen machen. Das gab seinen häuslichen Gewohnheiten einen argen Stoss; er fühlte eine wirkliche Unlust, wenn er daran dachte, dass er für einen ganzen Monat seine Häuslichkeit verlassen müsse. Es war ihm nicht ganz klar, ob er seine Frau oder seine Kinder am meisten vermissen werde, vielleicht alle beide.
Am Abend vor der Abreise sitzt er in seinem Sofa und sieht zu, wie sie seine Reisetasche packt. Sie liegt mit den Knieen auf dem Boden und legt seine Wäsche hinein. Sie bürstet den schwarzen Anzug ab, legt ihn sorgfältig zusammen, damit er so wenig Platz wie möglich einnimmt. Darauf versteht er sich nämlich nicht.
Sie hatte ihre Stellung im Hause niemals als seine Dienerin, kaum als seine Frau aufgefasst. Sie war Mutter: Mutter für die Kinder und Mutter für ihn. Sie fühlte sich niemals davon gedemütigt, dass sie seine Strümpfe stopfte, und verlangte auch keinen Dank. Und sie glaubte nie, er stehe dafür in ihrer Schuld; er gab ja ihr und ihren Kindern dafür ganze Strümpfe und noch viel mehr; das hätte sie sich sonst ausser dem Hause verdienen müssen und dann hätte sie ihre Kinder allein zu Hause lassen müssen.
Er sass in der Ecke des Sofas und sah sie an. Jetzt, da sich der Abschied näherte, hob er kleine Vorschüsse auf die Sehnsucht ab. Er betrachtete ihre Figur. Die Schulterblätter hatten sich etwas vorgeschoben, und der Rücken war gekrümmt von der Arbeit über Wiege, Plättbrett und Herd. Auch er war gebeugt von der Arbeit über den Schreibtisch und seine Augen hatten Gläser zu Hilfe nehmen müssen. Jetzt aber dachte er wirklich nicht an sich. Er sah, dass ihre Zöpfe dünner als früher waren und dass ein schwacher Schein auf dem Scheitel zu sehen war. Hatte sie für ihn ihre Schönheit verloren, für ihn allein? Nein, für die kleine Gemeinde, die von ihnen allen gebildet wurde; denn sie hatte ja auch für sich selber gearbeitet. Und sein Haar hatte sich auch verdünnt im Kampf für sie alle. Er hätte vielleicht mehr Jugend besessen, wenn nicht so viel Münder gewesen wären, wenn er allein gewesen; aber er wollte nicht einen Augenblick allein gewesen sein.
– Es wird dir gut tun, etwas hinauszukommen, sagte seine Frau; du hast zu viel zu Hause gehockt.
– Du freust dich wohl, dass du mich los wirst, sagte er, nicht ohne ein wenig Bitterkeit; ich aber werde euch schon vermissen.
– Du bist wie die Hauskatze, du vermissest die warme Ofenecke, aber mich wirst du nicht so sehr vermissen; das glaubst du selber nicht.
– Und die Kinder?
– Ja, wenn du fort gehst, aber wenn du zu Hause bist, so schiltst du sie; nicht heftig allerdings, aber doch! Oh nein, du liebst sie wohl; ich will nicht ungerecht sein.