Beim Abendessen war er sehr milde, und ihm war schlecht zu Mut. Er las nicht die Abendzeitungen, sondern suchte nur mit seiner Frau zu sprechen. Die war aber so beschäftigt, dass sie sich zum Plaudern keine Zeit liess; auch hatten sich ihre Gefühle während der zehnjährigen Campagne in Kinderstube und Küche genügend stählen können.

Er war gefühlvoller, als er zeigen wollte, und die Unordnung im Zimmer machte ihn unruhig. Er sah Stücke seines täglichen Lebens, seiner Existenz auf Stühlen und Kommoden durcheinander liegen; die offene, schwarze Reisetasche gähnte ihn an wie ein Sarg, weisse Wäsche umhüllte darin schwarze Kleider, die noch die Spuren seiner Kniee und Ellbogen trugen; es war ihm, als liege er selber da mit dem weissen, gestärkten Vorhemd; gleich werde man zumachen und ihn forttragen.

Am nächsten Morgen, es war im August, stürzte er aus dem Bett, kleidete sich atemlos an und war sehr nervös. Er ging in die Kinderstube und küsste alle Kinder, die sich den Schlaf aus den Augen rieben. Nachdem er seine Frau umarmt hatte, setzte er sich in die Droschke, um nach dem Bahnhof zu fahren.

Die Reise, die er in Gesellschaft seiner Vorgesetzten machte, zerstreute ihn; es tat ihm wirklich wohl, sich einmal etwas aufzurütteln. Die Häuslichkeit lag hinter ihm wie eine dumpfe Schlafstube, und er war wirklich aufgeräumt, als er nach Linköping kam.

Den Rest des Tages füllte ein feines Gefängnisessen im grossen Hotel aus. Man trank auf das Wohl des Landeshauptmannes, aber nicht auf das der Gefangenen, die doch der Zweck der Reise waren.

Dann aber kam der Abend auf dem einsamen Zimmer. Ein Bett, zwei Stühle, ein Tisch, eine Waschtoilette und ein Stearinlicht, das seinen dürftigen Schein über die nackten Tapeten verbreitete. Ihm war ängstlich zu Mute. Alles fehlte: die Pantoffeln, der Schlafrock, das Pfeifengestell, der Schreibtisch; alle diese Kleinigkeiten, die er zu Bestandteilen seines Lebens gemacht hatte. Und dann die Kinder und seine Frau. Wie ging es ihnen? Waren sie gesund? Er wurde unruhig und düster. Als er seine Uhr aufziehen wollte, vermisste er den Uhrschlüssel. Der hing zu Hause am Uhrhalter, den ihm seine Frau als Braut gestickt hatte. Er legte sich nieder und steckte sich eine Zigarre an. Doch er musste noch einmal aufstehen und ein Buch aus der Reisetasche holen. Alles war so ordentlich eingepackt, dass er fürchtete, es in Unordnung zu bringen. Wie er aber nach dem Buch suchte, fand er die Pantoffeln! Sie dachte doch an alles! Dann fand er das Buch! Aber er las nicht. Er lag da und dachte an die Vergangenheit, an seine Frau, wie sie vor zehn Jahren war. Das Bild von früher trat hervor, und das gegenwärtige verschwand in den blaubraunen Wolken der Zigarre, die in Wirbeln zu der regenfleckigen Decke aufstiegen. Er empfand eine grenzenlose Sehnsucht. Jedes harte Wort, das er ihr gesagt, schmerzte ihm im Ohr, und er bereute jede bittere Stunde, die er ihr bereitet. Endlich schlief er ein.

Am nächsten Tag Arbeit und neues Essen, mit einem Toast auf den Direktor, aber noch keinen für die Gefangenen. Am Abend Einsamkeit, Leere, Kälte. Er hatte ein Bedürfnis, mit ihr zu sprechen. Er holte Papier und setzte sich an den Tisch. Gleich beim ersten Federzug stockte er. Wie sollte er schreiben? „Liebe Mama“ schrieb er immer, wenn er ihr in wenigen Zeilen mitteilte, dass er auswärts essen musste. Jetzt aber schrieb er nicht an die Mama, sondern an die Verlobte, an die Geliebte. Und er schrieb „Meine geliebte Lilly“ wie früher. Anfangs ging es träge, denn so viele schöne Worte waren aus der schweren trockenen Sprache des täglichen, alltäglichen Lebens verschwunden; bald aber wurde er warm und jetzt tauchten sie aus der Erinnerung hervor wie vergessene Melodien, Walzertakte, Romanzenfragmente, Fliederblüten und Schwalben, Abendstunden bei Sonnenuntergang auf spiegelblankem Meer; alle Frühlingserinnerungen des Lebens tanzten daher in Sonnenwolken und gruppierten sich um sie. Ganz unten auf die Seite setzte er einen Stern, wie Liebende zu tun pflegen, und daneben schrieb er, ganz wie früher: „Küsse hier!“

Als er den Brief beendigt hatte und ihn wieder durchlas, brannten ihm die Wangen und er ward verlegen. Warum, das wusste er nicht recht. Aber ihm war, als habe er seine innersten Gefühle einem mitgeteilt, der kein wirkliches Verständnis für sie besass.

Doch sandte er den Brief ab.

Einige Tage vergingen, bis die Antwort kam. Während er darauf wartete, empfand er eine kindliche Schüchternheit und Verlegenheit.