Dann aber kam die Antwort! Er hatte den rechten Ton getroffen, und aus Küchendunst und Kinderstubenlärm stieg ein Lied auf, klar und wohllautend, warm und rein, wie die erste Liebe.
Jetzt begann ein Austausch von Liebesbriefen. Er schrieb jeden Abend, sandte auch zuweilen im Lauf des Tages noch eine Karte ab. Seine Kollegen erkannten ihn nicht wieder. Er fing nämlich an, so viel Wert auf seine Kleidung und sein Aussehen zu legen, dass er in Verdacht kam, einen Liebeshandel zu haben. Und er war verliebt, von neuem verliebt. Er sandte ihr seine Photographie, ohne Brille, und sie ihm eine Locke von ihrem Haar. Sie waren kindlich in ihren Ausdrücken, und er hatte farbiges Briefpapier mit Täubchen gekauft. Aber sie waren ja auch Menschen mittleren Alters, die noch lange nicht die vierzig erreicht, wenn auch die Kämpfe des Lebens sie dazu gebracht, sich alt zu fühlen. Er hatte sie auch im letzten Jahr in der Ehe vernachlässigt, nicht so sehr aus Kälte wie aus Achtung, da er immer in ihr die Mutter seiner Kinder sah.
Die Reise ging ihrem Ende zu. Wenn er ans Wiedersehen dachte, empfand er eine gewisse Unruhe. Er hatte mit der Geliebten korrespondiert; würde er die in der Mutter und Hausfrau wiederfinden? Er fürchtete, sich bei der Heimkehr enttäuscht zu fühlen. Er wollte kein Küchenhandtuch in ihrer Hand sehen, auch nicht die Kinder an ihren Röcken, wenn er sie umarmte. Sie mussten sich an einem andern Ort treffen, allein. Sollte er sie zum Beispiel nach Waxholm ins Stockholmer Inselmeer kommen lassen, in das Gasthaus, in dem sie während ihrer Verlobungszeit so manche frohe Stunde verbracht? Das wäre eine Idee! Dort könnten sie zwei Tage lang die ersten schönen Frühlingstage, die geflohen waren und nicht wiederkamen, noch einmal in der Erinnerung durchleben.
Er setzte sich hin und machte seinen Vorschlag in einem langen Brief, der von Liebe glühte. Sie beantwortete ihn mit umgehender Post, und zwar bejahend, glücklich, dass er auf denselben Gedanken gekommen sei wie sie.
Zwei Tage später war er in Waxholm und hatte Zimmer im Gasthaus bestellt. Es war ein schöner Septembertag. Er sass allein im grossen Saal zu Mittag, trank ein Glas Wein und fühlte sich wieder jung. Es war hier so hell und luftig. Draussen lag das blaue Meer und nur die Birken an den Ufern hatten ihre Farbe gewechselt. Im Garten standen noch die Dahlien in voller Blüte und der Reseda duftete am Rand der Beete. Einige Bienen besuchten noch die versiegenden Kelche, kehrten aber enttäuscht zu ihren Körben zurück. Im Sund zogen die Segler vorbei vor einer schwachen Brise, und beim Wenden flatterten die Segel und schlugen die Schoten; und die Möwen flogen erschrocken und schreiend fort von den Fischern, die in ihren Booten mit der Rollangel Strömling fischten.
Er trank seinen Kaffee auf der Veranda und begann den Dampfer, der um sechs Uhr kommen sollte, zu erwarten.
Unruhig, als gehe er etwas Ungewissem entgegen, schlenderte er auf dem Balkon hin und her, spähte auf Fjärd und Sund hinaus, nach der Seite, wo Stockholm lag, um den Dampfer zu sichten.
Schliesslich stieg ein Rauch über den Fichtenwald am Horizont auf. Sein Herz fing an zu klopfen und er trank einen Likör. Darauf ging er an den Strand hinunter.
Jetzt war der Schornstein mitten im Sund zu sehen, und bald sah er die Flagge auf der Vorstenge. War sie auf dem Dampfer oder war sie verhindert worden? Eins von den Kindern brauchte nur erkrankt zu sein, dann war sie zu Hause geblieben, und er musste eine einsame Nacht im Hotel verbringen. Die Kinder, die während der letzten Wochen in den Hintergrund getreten waren, traten jetzt zwischen ihn und sie. In den letzten Briefen hatten sie sehr wenig über die Kinder gesprochen, als wollten sie Störenfriede oder Zeugen entfernen.
Er stampfte die Landungsbrücke, die unter seinen Füssen knarrte, bis er schliesslich bei einem Poller unbeweglich stehen blieb, starr dem Dampfer entgegen blickend, dessen Rumpf sich vergrösserte und dessen Kielwasser sich wie ein Fluss von schmelzendem Gold über die blaue, schwach gekräuselte Fläche legte.