Jetzt sieht er auf dem obern Deck Leute, die sich bewegen, und im Bug Matrosen, die sich mit dem Tauwerk beschäftigen. Und dann bewegt sich etwas Weisses neben dem Steuerhäuschen. Er ist allein auf der Landungsbrücke und man kann nicht gut einem andern als ihm winken; und keine andere kann ihm winken als sie. Er zieht sein Taschentuch und beantwortet den Gruss. Aber er bemerkt, dass sein Taschentuch nicht weiss ist, denn er gebraucht seit langer Zeit farbige, aus Sparsamkeit.
Der Dampfer pfeift, gibt Signale, die Maschine stoppt; auf die Brücke zu gleitet jetzt das Fahrzeug und er erkennt sie wieder. Sie grüssen mit den Augen, können aber noch kein Wort wechseln, weil sie zu entfernt von einander sind.
Der Dampfer legt an. Er sieht sie, wie sie langsam über den Landungssteg gedrängt wird. Sie ist es, und sie ist es nicht. Zehn Jahre liegen dazwischen! Die Mode hat sich verändert, der Schnitt der Kleider ist ein anderer. Früher war ihr feines dunkelhäutiges Gesicht zur Hälfte von der damals gebräuchlichen Haube eingefasst, welche die Stirn offen liess; jetzt ist die Stirn von einer bösen Nachahmung des Herrnhutes beschattet. Damals zeichnete sich ihre hübsche Gestalt in spielenden Linien unter dem so schön drapierten Besuchsmantel ab, der die Rundung der Schultern und die Bewegung der Arme schelmisch verbarg und hervorhob; jetzt ist die ganze Figur von einem langen Kutscherrock entstellt, der die Kleider abzeichnet, aber nicht die Gestalt. Als sie den letzten Schritt auf dem Landungssteg tut, sieht er ihren kleinen Fuss, in den er sich verliebt hat, als er noch in einem Knöpfstiefel von der Form des Fusses sass, während ihr jetziger Schuh zu einem chinesischen Spitzpantoffel ausgezogen ist, der dem Fussblatt nicht erlaubt, sich in diesen tanzenden Rhythmen zu erheben, die damals sein Entzücken waren.
Sie war es, und sie war es nicht! Er umarmte und küsste sie! Sie fragten einander nach dem Ergehen, und er fragte nach den Kindern. Dann gingen sie den Strand hinauf.
Die Worte fielen langsam, trocken, gezwungen. Wie sonderbar! Sie schämten sich beinahe vor einander, und keiner spielte auf den Briefwechsel an.
Schliesslich fasste er sich ein Herz und fragte:
– Wollen wir einen Spaziergang machen, ehe die Sonne untergeht?
– Gern, sagte sie und nahm seinen Arm.
Sie gingen die Strasse nach dem Städtchen hinauf. Alle Sommerhäuschen waren mit Läden verschlossen, und die Gärten waren geplündert. Hier und dort sass noch ein Apfel, der sich hinterm Laub versteckt hatte, in den Bäumen, aber die Beete waren jeder einzigen Blume beraubt. Die Veranden, die jetzt ihre Zeltmarquisen verloren hatten, sahen aus wie Skelette; wo man früher Gesichter sah und frohes Lachen hörte, war es still geworden.
– Es sieht so herbstlich aus, sagte sie.