Dann war alles wie vorher zwischen ihnen, aber die Mütterlichkeit der Tanten und Schwestern kannte jetzt keine Grenzen mehr. Sie richteten den Flügel ein, stellten die Möbel auf, verteilten die Zimmer, bestimmten alles. Frithiof wurde nicht gefragt.
Dann begann man die Hochzeit zu rüsten. Alte Verwandte, die in der Provinz begraben waren, wurden aufgesucht und als Trauzeugen geladen.
Am Morgen nach der Hochzeit war Herr Frithiof früh auf den Beinen. Er verliess die Schlafstube so schnell wie möglich, indem er vorgab, eine wichtige Arbeit auf dem Felde verrichten zu müssen. Luise, die noch schläfrig war, hatte nichts dagegen einzuwenden; aber gerade als er gehen wollte, sagte sie:
– Du vergisst doch nicht, dass um elf Uhr Frühstück ist.
Das sagte sie wie einen Befehl.
Er ging in sein Zimmer, zog Jagdrock und Wasserstiefel an und nahm seine Flinte, die er in einem Schrank versteckt hielt. Dann ging er in den Wald.
Es war ein schöner Oktobermorgen mit Rauhreif. Er ging sehr schnell, als fürchte er, zurückgerufen zu werden, oder als fliehe er vor etwas. Die frische Waldluft wirkte wie ein Bad. Er fühlte sich frei, und es war das erste Mal, dass er seine Freiheit benutzte, um mit der Flinte auszugehen. Aber diese körperliche Freiheit war nur vorübergehend. Bisher hatte er wenigstens sein Schlafzimmer für sich gehabt. Über seine Gedanken am Tage und seine Träume bei Nacht hatte er geherrscht. Das war aus. Besonders quälte ihn der Gedanke, das gemeinsame Schlafzimmer sei etwas Garstiges. Jede Scham wurde wie eine Maske abgeworfen, jedes Feingefühl abgelegt, jede Illusion von dem „hohen Ursprung“ des Menschen zerstört; nur das Tier vor sich zu haben, war zu viel für ihn, da er ja von Idealisten erzogen war. Nie hätte er geglaubt, dass die Heuchelei des Zusammenlebens so gross sein könne, und dass nur die Furcht vor den Folgen der Kern des unsagbar Weiblichen sei. Wenn es aber die Tochter des Arztes oder des Gärtners gewesen wäre? Dann wäre die Einsamkeit mit ihr eine Seligkeit gewesen, während sie jetzt bedrückte und unschön war; dann hätte die rohe Begierde, eine Neugier und ein Bedürfnis zu befriedigen, die Form eines Rausches angenommen, der wie der Rausch mehr seelisch als körperlich war.
Er streifte durch den Wald, ohne ein Ziel zu haben, ohne zu wissen, was er schiessen solle; er empfand nur eine dunkle Lust, die Flinte knallen zu hören und ein Tier fallen zu sehen; aber er erblickte nichts. Die Vögel waren schon fortgezogen. Nur ein Eichhörnchen hüpfte auf einem Kiefernstamm herum und guckte ihn mit seinen Glotzaugen an. Er warf die Flinte an die Backe und drückte ab; aber das schnelle Tier war schon auf der andern Seite des Stammes, als die Hagelkörner einschlugen. Doch machte der Knall einen angenehmen Eindruck auf seine Nerven.
Er verliess den Fusssteig und ging in den Niederwald. Wo er einen Pilz aufragen sah, trat er ihn entzwei. Er war in einer rechten Zerstörungslaune. Er sehnte sich danach, eine Schlange zu sehen, um sie zu zertreten oder einen Schuss auf sie abzugeben.