Er wusste nicht, wie lange er spielte, als er aber aufhörte und sich umdrehte, kam der Bruder ins Zimmer. Er sah glücklich aus wie ein höheres Wesen, und sein Gesicht strahlte von Leben und Kraft. Und dann kam Rieke mit einer Bowle, und gleich danach kamen alle Mädchen herauf. Und der Leutnant brachte Gesundheiten auf sie aus, auf die eine nach der andern. Und Theodor fand, es sei alles so, wie es sein sollte, und er wurde schliesslich so kühn, dass er Rieke auf die Schulter küsste. Sie entzog sich ihm aber und sah gekränkt aus, und dann schämte sich Theodor.
Als die Uhr eins war, mussten sie gehen.
Als Theodor auf seine Kammer in die Einsamkeit kam, war er ganz auf den Kopf gestellt. Er riss „Komm zu Jesus“ herunter, nicht weil er an Jesus nicht mehr glaubte, sondern weil er es für eine Prahlerei hielt. Er war erstaunt, dass seine Religion so lose sass, wie ein Festtagsrock, und er fragte sich, ob es nicht unpassend sei, die ganze Woche in Sonntagskleidern zu gehen. Er fand in sich einen einfachen Alltagsmenschen, den er gut leiden mochte, und er glaubte mehr in Frieden mit sich selber zu sein, wenn er sich so einfach, anspruchslos, ungeschraubt gab.
Nachts schlief er einen schweren, guten Schlaf ohne Träume.
Als er am nächsten Morgen aufstand, waren seine blassen Wangen etwas voller und er fühlte eine frohe Lebenslust. Er ging spazieren, und wie er so ging, kam er zur Stadt hinaus. Wenn ich nach der Gastwirtschaft ginge, dachte er, und nachsähe, wie es den Mädchen geht.
Er trat in den grossen Saal; dort sassen Rieke und Jossa allein im Morgenrock und putzten Stachelbeeren. Und ehe er es sich versah, sass er an ihrem Tisch, nahm eine Schere und putzte ebenfalls Stachelbeeren. Und sie plauderten über den gestrigen Abend und über den Bruder und freuten sich, dass es so lustig hergegangen. Man sprach nicht ein unanständiges Wort. Theodor fand, es sei wie in einer Familie, und das konnte nicht sündhaft sein.
Später trank er Kaffee und lud die Mädchen dazu ein. Und dann kam die Wirtin und las ihnen aus der Zeitung vor: es war ganz, als sei er bei sich zu Hause gewesen.
So kam er wieder. An einem Nachmittag ging er eine Treppe hoch zu Rieke. Sie sass oben und nähte an einem Hohlsaum. Theodor fragte, ob er sie belästige. Nein, keineswegs, im Gegenteil, antwortete sie. Und sie sprachen über den Bruder. Er war im Manöver und sollte erst in zwei Monaten zurückkommen. Schliesslich tranken sie Punsch und duzten einander.
Ein anderes Mal traf Theodor sie im Hagapark. Sie pflückte Blumen. Und beide setzten sich ins Gras. Sie hatte ein leichtes Sommerkleid an, das war so dünn, dass er sah, wie die Spitzen ihrer Brüste zwei helle Erhebungen bildeten, mit einer dunklen Senkung dazwischen. Er fasste sie um den Leib und küsste sie. Sie küsste ihn wieder, und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Da zog er sie an sich, als wolle er sie ersticken; sie aber riss sich los und sagte recht ernst, er müsse artig sein, sonst könnten sie sich nie wieder treffen.
Zwei Monate trafen sie sich. Theodor war in sie verliebt. Er hielt lange, ernste Gespräche über die höchsten Aufgaben des Lebens, über die Liebe, über die Religion, über alles, und dazwischen machte er seine Angriffe auf ihre Tugend, wurde aber immer mit seinen eigenen Worten zurückgeschlagen. Dann schämte er sich furchtbar, dass er von einem unschuldigen Mädchen so niedrig denken könne. Seine Leidenschaft ging schliesslich in hohe Bewunderung über für dieses arme Mädchen, das sich mitten in den Versuchungen rein erhalten konnte. Er hatte sich den Geistlichen aus dem Sinn geschlagen, wollte den Doktor machen und – wer weiss – sich vielleicht mit Rieke verheiraten. Er las ihr jetzt Poesie vor, während sie nähte. Küssen durfte er sie, soviel er wollte, sie an sich drücken, zudringlich sein; mehr aber erlaubte sie nicht.