Schliesslich kam der Bruder nach Haus. Sofort gab er ein Festessen im „Stallmeisterhof“, und Theodor wurde dazu eingeladen. Aber er musste ihnen vorspielen, unaufhörlich spielen. Er war mitten in einem Walzer, nach dem niemand tanzte, als er sich umsah: er war allein. Da stand er auf und ging in den Flur. Kam in eine lange Reihe von kleinen Zimmern, schliesslich in ein Schlafzimmer. Da hatte er einen Anblick, dass er sofort hinausstürzte, seinen Hut nahm und in die Nacht verschwand.

Erst gegen Morgen befand er sich wieder zu Hause auf seiner Kammer, allein, vernichtet, jedes Glaubens beraubt, ans Leben, an die Liebe und ans Weib natürlich, denn es gab für ihn nur ein Weib in der Welt, und das war Rieke vom Stallmeisterhof.

Als der fünfzehnte September kam, fuhr er nach Uppsala, um Theologie zu studieren.

Die Jahre vergingen. Sein guter Verstand erlosch so allmählich unter all den Dummheiten, die er jetzt täglich und stündlich seinem Gehirn eintrichtern musste. Wenn aber die Nacht kam und der Widerstand aufhörte, brach die Natur los und nahm mit Gewalt, was der aufrührerische Mensch ihr streitig machen wollte. Er wurde kränklich. Sein Gesicht fiel so ein, dass man alle hervortretenden Knochen des Schädels sehen konnte; die Haut wurde gelbweiss wie die einer in Spiritus gelegten Leibesfrucht und sah immer feucht aus; und zwischen den dünnen Bartsträhnen traten Finnen auf. Das Auge war erloschen; die Hände so mager geworden, dass alle Gelenke durch die Haut guckten. Er sah aus wie das Bild zu einer Tendenzarbeit über die menschlichen Laster, und doch war er rein.

Eines Tages bat ihn der Professor der Moraltheologie, der ein verheirateter, aber strenger Mann war, um ein Gespräch unter vier Augen. Der Professor fragte so diskret wie möglich, ob er etwas auf dem Herzen habe; dann solle er sich erleichtern. Nein, er habe keine Sünde zu gestehen, aber er sei unglücklich. Der Professor ermahnte ihn, zu wachen und zu beten und stark zu sein.

Vom Bruder hatte er einen langen Brief erhalten, in dem dieser ihn bat, jene bewusste Bagatelle nicht so ernst zu nehmen. Es sei dumm, ein Mädchen ernst zu nehmen! Bezahlen und gehen, sei seine Philosophie, und mit der stehe er sich gut. Spielen, solange man jung sei; der Ernst komme immer noch früh genug. Die Ehe sei eine bürgerliche Einrichtung, um die Kinder aufzuziehen, weiter nichts. Wenn wir älter geworden, sollten wir uns verheiraten ...

Hierauf antwortete Theodor in einem langen, von wahrem christlichen Geist durchdrungenen Brief, der unbeantwortet blieb.

Nachdem Theodor im Frühling das erste Examen gemacht hatte, musste er im Sommer nach Sköfde fahren, um eine Kaltwasserkur durchzumachen. Im Herbst kehrte er nach Uppsala zurück. Aber die neuen Kräfte, die er erworben hatte, waren natürlich nur neues Material fürs Feuer.

Es wurde immer schlimmer und schlimmer mit ihm. Sein Haar war jetzt so dünn, dass die Haut durchschien. Seine Schritte waren schleppend, und wenn Kameraden ihn auf der Strasse sahen, schauderte ihnen wie vor einem lasterhaften Menschen. Er begann es selbst zu merken und wurde scheu. Ging nur abends aus. Wagte nachts nicht im Bett zu schlafen. Das Eisen, das er im Übermass eingenommen, hatte seine Verdauung verdorben. Im nächsten Sommer wurde er nach Karlsbad geschickt.

Im folgenden Herbst durchlief ein Gerücht die Universitätsstadt, ein garstiges Gerücht, das wie eine dunkle Wolke über den Horizont zog. Es war, als habe man vergessen, eine Kloakenklappe zu schliessen, und ein furchtbarer Gestank erinnerte plötzlich daran, dass die Stadt, die herrliche Schöpfung der Kultur, auf einem Untergrund von Fäulnis ruhte, der jeden Augenblick die Röhren sprengen und die ganze Gesellschaft vergiften konnte. Man flüsterte, Theodor Wennerström habe in einem Wutanfall einen Kameraden in seiner Wohnung überfallen und ihm schändliche Anträge gemacht. Dieses Mal hatte das Gerücht die Wahrheit geflüstert.