Ihr Vater war General, und die Mutter starb ihr früh. Seitdem wurde das Haus meist von Herren besucht. Und der Vater erzog sie selber.

Sie ritt mit ihm aus, sah sich die Manöver an, wohnte Schauturnen bei, machte Kontrollversammlungen mit.

Da der Vater unter allen, die in seinen Verkehrskreis kamen, den höchsten Rang einnahm, bezeigten ihm alle eine Ehrerbietung, wie sie Ebenbürtige einander niemals bezeigen. Und da sie die Tochter des Generals war, erwies man ihr die gleiche Ehre wie dem Vater. Sie hatte den Rang eines Generals und sie fühlte es.

Im Flur sass immer eine Ordonnanz, die sich mit furchtbarem Gerassel erhob, wenn sie kam und wenn sie ging. Auf den Bällen wurde sie immer von Majoren zum Tanz aufgefordert; einen Hauptmann hielt sie für eine niedrige Menschenklasse, und die Leutnants waren für sie unartige Jungen.

So gewöhnte sie sich daran, die Menschen nach der Rangliste zu beurteilen; Zivilpersonen waren für sie „Fische“, dürftig gekleidete Menschen Lumpen, arme Leute Pack.

Aber über dieser Rangskala standen die Damen. Der Vater, der alle Männer unter sich hatte und mit Ehrenbezeigungen begrüsst wurde, sobald er sich sehen liess, stand doch immer vor einer Dame auf, sie mochte jung oder alt sein, küsste bekannten Damen die Hand, bediente jede Schönheit. Dadurch bekam sie früh hohe Gedanken von der Überlegenheit des weiblichen Geschlechts und gewöhnte sich daran, Männer für niedrigere Wesen zu halten.

Wenn sie ausritt, hatte sie immer einen Reitknecht hinter sich. Wenn es ihr gefiel, Halt zu machen, um sich die Landschaft anzusehen, machte er Halt. Er war ihr Schatten. Aber wie er aussah, ob er jung oder alt war, das wusste sie nicht. Wenn man sie gefragt, was für ein Geschlecht er habe, hätte sie es nicht sagen können; sie hatte nie daran gedacht, dass der Schatten auch ein Geschlecht haben könne; wenn sie in den Sattel stieg und dabei mit ihrem kleinen Stiefel auf seine Hand trat, so war die für sie ein gleichgültiges Ding; und sie konnte dann ihr Kleid etwas anheben, als sei niemand zugegen.

Diese eingeborenen Rangvorstellungen durchdrangen ihr ganzes Leben. Sie konnte mit den Töchtern des Majors oder des Hauptmanns nie vertraut werden, denn deren Väter standen unter ihrem Vater. Auf einem Ball hatte ein Leutnant einmal gewagt, sie aufzufordern. Um seine Vermessenheit zu bestrafen, antwortete sie nicht, als er zwischen den Tänzen sich unterhalten wollte. Nachher aber erfuhr sie, es sei einer der Prinzen gewesen: da war sie untröstlich. Sie, die den Rangunterschied der Offiziere wusste, die alle Orden und Titel kannte, sie hatte einen Prinzen nicht erkannt. Das war zuviel.

Sie war schön, aber der Stolz gab ihren Zügen eine Starrheit, die jeden Anbeter abschreckte. Sich zu verheiraten, daran hatte sie nie gedacht. Die jungen Leute waren dazu nicht qualifiziert, und die Alten, die den Rang hatten, waren zu alt. Wenn sie sich mit einem Hauptmann verheiratet hätte, würde sie ja bei Tisch hinter allen Majorsfrauen gesessen haben, sie, die Tochter des Generals. Das wäre ja eine Degradierung gewesen. Übrigens wollte sie durchaus kein Anhang oder eine Salonzierde für einen Mann sein. Sie war gewohnt zu befehlen, gewohnt, dass man ihr gehorchte; sie konnte keinem gehorchen. Das freie männliche Leben unter Männern hatte ihr ausserdem einen entschiedenen Widerwillen gegen weibliche Beschäftigung eingeflösst.

Spät erwachte ihr geschlechtliches Leben. Da sie zu einer alten Familie gehörte, die väterlicherseits durch seelenloses Soldatentum, durch Zechen und durch Schlemmen mit ihrer Kraft schlecht hausgehalten, mütterlicherseits die Fruchtbarkeit unterdrückt hatte, um das Vermögen nicht teilen zu müssen, schien die Natur bei Bestimmung ihres Geschlechts in letzter Stunde gezögert zu haben; oder hatte vielleicht nicht Kraft genug besessen, um sich für Fortsetzung der Rasse zu entschliessen. Ihrer Gestalt fehlte das bestimmte weibliche Gepräge, wie eine gesunde Natur es für ihre Zwecke erzeugt, und sie tat auch nichts, um den Mängeln durch Kunst abzuhelfen.