Ihre wenigen weiblichen Kameraden fanden sie kalt, gleichgültig gegen alles, was das Verhältnis der Geschlechter betraf. Sie selber sprach sich geringschätzig darüber aus, hielt es für unsauber, konnte nicht begreifen, wie sich ein Weib einem Manne hingeben könne. Die Natur war unrein für sie und Tugend bestand für sie in reiner Wäsche, gestärkten Röcken und heilen Strümpfen. Arm sein bedeutete für sie schmutzig und lasterhaft sein.

Im Sommer wohnte sie mit ihrem Vater auf dem Landgut.

Das Land liebte sie nicht. Draussen in der Natur wurde sie klein; der Wald war ihr unheimlich, der See machte sie schauern, das hohe Gras der Wiese barg Gefahren. Die Bauern waren eine Art arglistige Tiere, und unsauber dazu. Auch hatten sie so viele Kinder, und Burschen wie Mädchen waren für sie lasterhaft.

Bei grossen Festen wie Mittsommer und Geburtstag des Generals wurden sie jedoch auf den Herrenhof geladen, um wie der Chor in der Oper zu fungieren, Hurra zu schreien, und zu tanzen, wie die Figuren auf einem Gemälde.

Es war wieder Frühling. Helene war allein auf ihrer Rassestute ausgeritten und weit hinaus ins Land gekommen. Sie wurde müde und sass ab; band die Stute an eine Birke, die an einer umzäunten Waldweide stand. Dann trat sie an den Rand des Grabens, um einige Orchideen zu pflücken. Die Luft war warm, und Birken und Rasen dampften. Im Wasser des Grabens plumpsten die Frösche.

Plötzlich wieherte die Stute, und Helene sah das schlanke Tier seinen Hals über den Zaun strecken und mit aufgerissenen Nüstern die Luft einsaugen.

– Alice, rief sie, still mein Mädchen!

Und dann fuhr sie fort, einen Strauss aus diesen schüchternen Blumen zusammenzusetzen, die so sorgfältig ihre Geheimnisse hinter den hübschsten und nettsten Gardinen verstecken, die gedrucktem Kattun gleichen.

Aber die Stute wieherte wieder. Aus den Haselbüschen der Waldweide antwortete ein anderes Wiehern, das aber stärker und tiefer war. Der sumpfige Boden der Waldweide dröhnte, die Sterne rasselten unter gewaltigen Hufschlägen, und heran trabte ein schwarzer Hengst. Der Kopf war stark, der Hals gespannt, und die Muskeln lagen in Wulsten unter der glänzenden Haut. Die Augen leuchteten, als sie die Stute erblickten. Zuerst machte er Halt und streckte den Hals, als ob er gähnte; zog die Oberlippe in die Höhe und zeigte die Zähne. Dann galoppierte er über das Gras und näherte sich dem Zaun.

Helene raffte ihr Kleid und lief hin, um die Kandare zu fassen, aber die Stute hatte sich losgerissen und setzte jetzt über den Zaun. Dann begann das Freien.