Mehr konnte Helene nicht hören. Sie war ganz vernichtet von Ärger, Scham, Entsetzen.

Da kam ein Bauernknecht des Weges. Helene eilte ihm entgegen, um ihn nicht das Schauspiel sehen zu lassen und zugleich um seine Hilfe zu bitten. Aber er war bereits zu weit heran gekommen.

– Ich glaube, das ist der Schwarze des Müllers, sagte er mit ernster Miene. Dann ist das Beste, zu warten, bis es vorbei ist, denn mit dem ist nicht zu spassen. Wenn Fräulein nach Haus gehen wollen, werde ich den Gaul nachbringen.

Froh, aus der Sache herauszukommen, eilte Helene davon.

Als sie nach Haus kam, war sie krank.

Die Stute wollte sie nicht wieder sehen. Die war unrein.

Dieses unbedeutende Ereignis hatte einen grösseren Einfluss auf Helenes seelische Entwicklung, als zu erwarten war. Der brutale Ausbruch eines Naturtriebes, dessen unverhüllte Darstellung einem Menschen Gefängnis einbringt, verfolgte sie, als habe sie einer Hinrichtung beigewohnt. Er störte ihre Gedanken am Tage und ihre Träume bei Nacht. Er steigerte ihre Furcht vor der Natur, und sie brach mit ihrem früheren Amazonenleben. Schloss sich ein und begann zu lesen.

Es war eine Bibliothek auf dem Gut vorhanden. Aber das Unglück wollte, dass sie seit dem Tode des Grossvaters nicht vermehrt worden war. Alle Bücher waren also ein Menschenalter zu alt, und Helene fand veraltete Ideale. Zuerst fiel ihr „Corinna“ von Frau von Staël in die Hände. Der Band war so in ein Fach hineingestellt, als sei er zu besonderer Benutzung bestimmt, und das war er auch. In Grün und Gold gebunden, mit abgegriffenem Schnitt, mit Bemerkungen und Unterstreichungen versehen, die von der verstorbenen Mutter herrührten, wurde das Buch für die Tochter ein geistiger Verkehr mit der Toten, deren Bekanntschaft das erwachsene Mädchen damit erneuerte. Es war eine ganze Seelengeschichte, diese Aufzeichnungen mit Bleistift. Das Missvergnügen mit der Prosa des Lebens und der Roheit der Natur feuerte die Phantasie an, sich eine Traumwelt zu bauen, in der die Seelen ohne Körper lebten. Diese Welt war aristokratisch, denn sie verlangte wirtschaftliche Unabhängigkeit, nur um der Seele Gedanken schenken zu können. Es war das Evangelium der Reichen, diese Gehirnentzündung, die Romantik genannt wird und die lächerlich wurde in ihrer Kläglichkeit, als sie zur Unterklasse hinunter drang.

Aus Corinna machte Helene nun ein Ideal: die Dichterin, die Eingebungen von oben erhielt, die gleich der Nonne des Mittelalters das Gelübde der Keuschheit ablegte, um ein reines Leben zu führen, die natürlich von einer glänzenden Menge bewundert wurde, erhob sich über die kleinen Sterblichen des Alltags. Es war nichts anderes als das Generalideal, nur übertragen: Ehrenbezeigen, Gewehrrufe, erster Platz. Dass Frau von Staël selber das Corinnaideal überlebte und erst von Bedeutung wurde, als sie sich mit der Wirklichkeit befasste, wusste Helene nicht.

Sie gab jede Beschäftigung mit der äusseren Welt auf, zog sich in sich selber zurück und grübelte über ihr Ich. Das Erbe, das die Mutter ihr in den posthumen Anmerkungen hinterlassen, begann zu keimen. Sie identifizierte sich mit Corinna und mit der Mutter und verwendete viel Zeit darauf, über ihren Beruf nachzudenken. Dass sie von der Natur für das Geschlecht bestimmt sei, dass sie die Pflicht habe, für das Keimen und Wachsen des Eies zu sorgen, das die Natur in ihren Körper niedergelegt, das wies sie weit von sich. Die Menschheit darüber aufzuklären, was Frau von Staëls Corinna vor fünfzig Jahren gedacht hatte, das war ihr Beruf; aber sie bildete sich ein, es seien ihre eigenen Gedanken, die nach Ausdruck rangen.