Sie begann zu schreiben. Eines Tages versuchte sie es mit Versen. Es gelang. Die Zeilen wurden gleich lang und die letzten Worte reimten sich. Da ging ihr ein Licht auf: sie war zur Dichterin geboren. Blieben nur noch die Gedanken, und die konnte sie aus „Corinna“ nehmen.

So entstanden eine Menge Gedichte.

Nun sollte aber auch die Welt damit beglückt werden, und das konnte nur durch den Druck geschehen. Eines Tages sandte sie ein Gedicht mit dem Titel „Sappho“ an die Illustrierte Zeitung und zeichnete Corinna. Mit klopfendem Herzen trug sie den Brief zur Post, und als sie ihn in den Kasten legte, betete sie leise zu „Gott“.

Die vierzehn Tage, die folgten, waren furchtbar. Sie ass nicht, schlief kaum und suchte die Einsamkeit.

Am ersten Sonnabend, als die Zeitung kam, zitterte sie wie bei einem Fieber; und als sie ihr Poem weder gedruckt sah, noch ein Wort im „Briefkasten“ fand, fiel sie zusammen.

Am nächsten Sonnabend, als sie wenigstens eine Antwort bestimmt erwarten konnte, nahm sie die Zeitung, ohne sie aufzumachen, mit in den Wald. Dort, tief in einem Dickicht, zog sie das Blatt heraus, nachdem sie sich nach allen Seiten umgesehen, ob auch niemand auf der Lauer stehe; dann schlug sie die Zeitung auf und liess das Auge über die Spalten gleiten. Da stand ein einziges Gedicht, das hiess „Bellmanstag“. Dann aber glitt das Auge zum Briefkasten hinunter. Beim ersten Blick, den sie auf die Zeilen in kleinem Druck warf, fuhr sie zusammen, ihre Finger packten die Zeitung, rollten sie zu einem Ball und warfen den ins Gebüsch. Dann starrte sie unablässig auf den weissen Fleck, den das Papier im Gebüsch bildete. Diese Beschimpfung war die erste, die sie in ihrem Leben empfangen hatte. Sie war auch ganz aus dem Sattel geworfen. Dieser unbekannte Zeitungsschreiber hatte gewagt, was noch niemand gewagt: er hatte ihr eine Unhöflichkeit gesagt. Sie hatte ihre Verschanzungen verlassen und sich auf ein Feld begeben, auf dem die Rangliste wenig bedeutete, auf dem die Naturmacht siegte, die Talent genannt wird. Vor diesem Talent beugte sich selbst die Macht, wenn sie es nicht länger leugnen konnte. Aber der Unbekannte hatte sie auch als Weib verletzt. So hatte er sich zu schreiben erlaubt:

– Corinna von 1807 hätte Essen gekocht und Kinder gewiegt, wenn sie nach 1870 gelebt hätte. Aber Sie sind keine Corinna!

Da hörte sie zum ersten Mal den Feind, den Erzfeind, den Mann. Kochen und wiegen! Der sollte mal sehen!

Helene ging nach Haus. Sie fühlte sich so vernichtet, dass die Muskeln kaum den schlaffen Nerven gehorchten.

Als sie aber ein Stück gegangen war, kehrte sie ganz plötzlich um. Wenn einer die Zeitung fände! Dann wäre sie verraten. Sie ging zurück, nahm eine Gerte, zog das Blatt aus den Büschen hervor und glättete es. Dann hob sie eine Moosscholle auf, versteckte das Blatt darunter und rollte einen Stein darauf. Es war eine Hoffnung, die da begraben wurde, aber auch ein Beweis. Dass sie schuldig war? Ja, so fühlte sies! Als habe sie ein Unrecht getan. Als habe sie sich vor dem andern Geschlecht entblösst!