Nach diesem Tage begann sie einen neuen Kampf mit sich selber. Der Ehrgeiz und die Furcht vor der Öffentlichkeit kämpften miteinander, ohne dass es zu einer Entscheidung kam.
Im Herbst starb der Vater. Da er nachts Karten gespielt hatte, ohne Glück zu haben, hinterliess er Schulden. Da er aber General war, so machte das nichts aus. Helene brauchte sich nicht in einen Zigarrenladen zu stellen, sondern wurde von einer bisher unsichtbaren Tante aufgenommen.
Doch trat mit dem Tod des Vaters eine völlige Veränderung in ihrem Leben ein. Alle Ehrenbezeigungen hörten von selber auf; die Offiziere des Regiments begannen ihr onkelhaft zuzunicken, und die Leutnants wagten sie auf den Bällen zum Tanz aufzufordern. Jetzt merkte sie selbst, dass ihre Hoheit nicht in ihrem persönlichen Wert gelegen, sondern geliehen war. Sie fühlte sich degradiert und empfand eine lebhafte Sympathie für alle Subalternen; ja sie fühlte, wie eine Art Hass in ihr wuchs gegen alle, welche die Vorrechte des Ranges genossen, den sie früher bekleidet. Damit wuchs auch das Bedürfnis, persönliche Anerkennung zu erringen, einen Rang zu erreichen, der jeden andern übertraf, wenn er auch nicht in der Rangliste stand.
Sie wollte sich auszeichnen, durchdringen, und, warum nicht, herrschen. Sie besass ein Talent, das sie auszuüben gewagt, obwohl sie es noch nicht über den Durchschnitt erhoben hatte: sie spielte Klavier. Jetzt begann sie Harmonie zu studieren und sprach von der G-mollsonate und der Fis-dursymphonie, als habe sie sie selber geschrieben. Und damit begann sie Tonkünstler zu fördern.
Ein halbes Jahr nach dem Tode des Vaters wurde ihr eine Stellung als Hoffräulein angeboten. Sie nahm an. Damit stellten sich wieder Trommelwirbel und Gewehrrufe ein, und Helene begann ihre Sympathien für Subalterne zu verlieren. Aber der Sinn ist unbeständig wie das Glück, und Helene bekam mit neuen Erfahrungen neue Ansichten.
Sie entdeckte nämlich eines Tages, und zwar recht bald, dass sie Dienerin war. Die Herzogin und sie sassen im Schlossgarten. Die Herzogin häkelte.
– Ich finde, diese Blaustrümpfe sind dumm, sagte die Herzogin.
Helene wurde aschgrau im Gesicht und fixierte ihre Herrin. Darauf antwortete sie:
– Das finde ich nicht.
– Ich habe nicht zu wissen verlangt, was Sie finden, antwortete die Herzogin und liess ihr Knäuel auf den Weg rollen.