Damit war ihre Laufbahn am Hof zu Ende. Aber ein Stachel blieb sitzen. Helene musste jetzt fühlen, was es heisst, in Ungnade gefallen zu sein; und noch deutlicher wurde ihr, was es heisst, seine Stellung aufzugeben. Die Gesellschaft liebt es nicht, dass man seine Stellung wechselt, und niemand konnte verstehen, wie sie aus freiem Willen den Sonnenschein des Hofes hatte verlassen können. Sie war natürlich „fortgejagt“. Das war der Ausdruck: Fortgejagt! Das war die grösste Demütigung, die sie erlitten; das war eine Beschimpfung. Sie kam sich wie eine Deklassierte vor; sie sah, wie sich Verwandte von ihr zurückzogen, als fürchteten sie, die Ungnade werde sie anstecken. Sie sah, wie Freundinnen bei der Begegnung kühl wurden und die Begrüssung auf ein Minimum beschränkten.
Andererseits aber wurde sie mit einer rührenden Vertraulichkeit von der Mittelklasse aufgenommen, der sie sich von ihrer früheren Höhe näherte. Doch verletzte sie deren Freundlichkeit zuerst mehr als die Kälte der andern; schliesslich aber fand sie es besser, dort unten die Erste als dort oben die Letzte zu sein: Sie ging also zu einer Gruppe von Zivilbeamten und Universitätslehrern über, von der sie mit offenen Armen empfangen wurde. Bei der abergläubischen Ehrfurcht, welche die Mittelklasse vor dem Schloss hat, wurde sie sofort Gegenstand von Huldigungen. Sie ward selber General und beeilte sich, eine Truppe zu bilden. Eine Reihe junger Gelehrter nahm sofort Sold, und sie begann Vorlesungen für Frauen zu veranstalten. Alter akademischer Plunder wurde zusammengelesen, abgestaubt und als neue Ware verhökert. In einem ausgeräumten Speisesaal wurde über Plato und Aristoteles gelesen vor einem Publikum, das natürlich nicht die Schlüssel zu diesem Heiligenschrein von Weisheit besass.
Helene fühlte sich der unwissenden Aristokratie überlegen, als sie diese Freimaurergeheimnisse eroberte. Diese angebliche Überlegenheit gab ihrem Auftreten eine Sicherheit, die imponierte. Die Männer verehrten sie wegen ihrer Schönheit und Unnahbarkeit; sie aber empfand nie etwas Beunruhigendes in der Gegenwart von Männern. Deren Huldigung nahm sie als Tribut hin, den sie der Frau schuldig waren, und eine Achtung vor diesen Bedienten, die von ihrem Sitz aufsprangen und sich in Positur stellten, wenn sie vorbeikam, konnte sie nicht empfinden.
Aber ihre Stellung als Unverheiratete war auf die Dauer nicht befriedigend, und sie sah mit Neid, welche Freiheit die verheirateten Frauen genossen. Sie konnten sich frei auf der Strasse bewegen, mit jedem Herrn sprechen, abends ausbleiben, solange sie wollten, und immer hatten sie den Gatten als Bedienten, der sie abholte. Auch hatte eine Frau mehr Rang, mehr Macht. Wie herablassend behandelten doch die Matronen alle diese jungen Mädchen. Wenn sie aber ans Heiraten dachte, tauchte das Abenteuer mit der Stute wieder auf, und ein Entsetzen überkam sie, das sie krank machte.
Als das zweite Arbeitsjahr begann, erschien in Helenes Kreis eine Professorenfrau aus Uppsala, die mit ihrer Stellung körperlichen Reiz vereinigte. Helenes Stern erbleichte, und alle ihre Anbeter fielen ab, um die neue Sonne zu verehren. Da Helene nicht mehr ihren früheren gesellschaftlichen Rang besass und der Duft vom Hofe verdunstet war wie das Parfüm von einem Taschentuch, wurde sie geschlagen. Der Einzige, der ihr treu blieb, war ein Dozent der Ethik, der sich bisher nicht vorzudrängen gewagt hatte. Jetzt war seine Zeit gekommen. Seine Aufmerksamkeit wurde gut aufgenommen, und seine strenge Ethik flösste ihr ein unbegrenztes Vertrauen ein. Da er ihr fleissig den Hof machte, fingen die Leute an zu klatschen; daran kehrte sich Helene aber nicht; darüber war sie erhaben.
Eines Abends sassen sie in dem ausgeräumten Speisesaal auf ihren Rohrstühlen, nachdem der Dozent gegen freie Reise und einen Händedruck diesen Vortrag gehalten hatte:
Das ethische Moment in der ehelichen Liebe
oder
Die Ehe als Manifestation der absoluten Identität.
– Sie meinen also, fuhr Helene fort, dass die Ehe ein Koexistenzverhältnis zwischen zwei identischen Ichs ist?
– Ich meine, wie ich schon die Ehre gehabt habe, in meinem Vortrag auszusprechen, dass das Sein nur unter dem Relationsverhältnis zweier kongruenter Identitäten in ein Werden von höherer Potenz konfluieren kann.
– Was ist ein Werden? fragte Helene und errötete.