– O, sagte sie, es ist schön, wenn du mich so streichelst. O, Albert, so müsste es immer sein!

– Ja, antwortete er, warum ist es nicht so gewesen? Warum nicht?

Helene schlug die Augen nieder und wiederholte nur:

– Warum nicht?

Ihre Hand blieb in seiner, und er fühlte, wie eine schöne Wärme von dem sammetweichen Glied ausging; alle seine alten Gefühle für sie flammten wieder auf, jetzt aber nicht mehr ohne Hoffnung.

Schliesslich erhob sie sich.

– Verachte mich nicht, sagte sie; hörst du, verachte mich nicht.

Und sie ging in ihr Zimmer.

Was ist das? fragte Albert sich, als er in die Stadt ging. Macht sie eine Krisis durch? Beginnt ihr Leben als Frau jetzt erst?

Er blieb den ganzen Tag in der Stadt. Ging abends ins Theater. Man gab „Die Welt, in der man sich langweilt“. Wurde er böse, als er die platonische Liebe, die Verbindung der Seelen, entlarvt und belächelt sah? Nein, er wurde durchaus nicht böse. Es war ihm, als werde ein Schleier aus feingewebten Lügen von seinem guten Verstand fort gezogen; er lächelte über das liebenswürdige Tier, das seinen Kopf unter den Kartonflügeln der Theaterengel hervorsteckte; er lächelte beinahe Tränen über seinen langen, langen Selbstbetrug; er lachte über seine Torheit. Welche Fäulnis lag doch hinter dieser lügnerischen Moral, dieser wahnsinnigen Sucht, sich von der gesunden Natur emanzipieren zu wollen; die asketischen Lehren des Idealismus und des Christentums hatten diesen Keim dem neunzehnten Jahrhundert eingepflanzt.